Eigenartig, in der Bundesrepublik wagt kaum noch jemand Kritik an der Nato-Erweiterung, in den Vereinigten Staaten dagegen werden die warnenden Stimmen gerade jetzt erst laut. Es mag daran liegen, daß im vergangenen Herbst in Amerika gewählt wurde - und unter dem Primat der Innenpolitik niemand ein Auge auf das wichtigste außenpolitische Thema des Jahres warf. Es kann natürlich auch sein, daß in Deutschland noch etwas von der alten transatlantischen Vasallentreue übriggeblieben ist. Motto: Die Regierung in Washington hat gesprochen - für Erweiterung -, da wird doch in Bonn keiner nörgeln.

Wie auch immer, die amerikanische Debatte ist erfrischend, und die Kritik kommt auf den Punkt. Eine Autorengruppe aus der kalifornischen Denkfabrik Rand - dem militärpolitischen Thinktank schlechthin - hat jetzt ihren Beitrag zum Thema transatlantischer Partnerschaft vorgelegt. Alle Welt blicke auf die Nato-Erweiterung und den Gipfel in Madrid im Juli. Doch dieser Gipfel, bemerken die Leute von Rand in fast britisch trok-kenem Understatement, "erhellt nicht die Strategie der Allianz, nur ihren Dienstplan". Und dies ist ja auch der Widerspruch, den auch die schneidigsten Kommentatoren nicht auflösen können: Wenn sich die Ausdehnung des Bündnisses nicht gegen Rußland richtet, wozu ist sie dann nötig? Ein neuer Zweck ist dem Militärpakt jedenfalls nicht einfach dadurch gegeben, daß er drei weitere Mitglieder hat.

Nun lehnen die Rand-Autoren die Erweiterung nicht kategorisch ab. Es klingt bei ihnen ein wenig resignativ: Jetzt den Prozeß abbrechen würde die Nato vor eine nicht zu überstehende Zerreißprobe stellen. Im Gegensatz zu anderen Kritikern - notabene zu George Kennan, dem Vater der Eindämmungspolitik - entwickeln aber die Rand-Strategen, die praktisch alle zu irgendeinem Zeitpunkt einmal dem amerikanischen Nationalen Sicherheitsrat angehörten, eine Alternative zur bloßen Erweiterung. Ihren strategischen Entwurf revolutionär zu nennen ist keine Übertreibung.

Sie wünschen sich eine echte Partnerschaft zwischen Amerika und Europa. Sie sind sich bewußt, daß es den Amerikanern nicht leichtfallen wird, die Arroganz der alleinigen Supermacht aufzugeben. Und sie fordern von Europa ebenfalls nicht gerade wenig, nämlich ein Ende der vor allem auf die eigene Landesverteidigung ausgerichteten Militärpolitik: "Wenn das strategische Grundverständnis der Nato nicht auch die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen über Europa hinaus beinhaltet, wird sie auch an Lebenskraft innerhalb Europas verlieren." In anderen Worten: Die Europäer müßten ihre Streitkräfte völlig umstrukturieren und gegebenenfalls bei einem Golfkrieg die Hälfte der Last tragen können.

Große Ideen aus Kalifornien: Mindestens sollte eine Agenda für eine transatlantische Freihandelszone aufgestellt werden es müßte ein weiteres Nato-Hauptquartier geschaffen und dieses sollte von einem Europäer geführt werden. Widerstand hat sich den Autoren schon vor der Veröffentlichung gezeigt, in Amerika wegen der Absage an unilaterale Führung, in Europa, weil dort noch nach Identität gesucht wird. Aber: "Die Alternative zur Partnerschaft . . . ist der Rückzug Amerikas aus der Isolation Europas."