Es war eine langersehnte Erfolgsmeldung für die Regierung in Helsinki: Finnland wird in diesem Jahr alle vier Konvergenzkritierien von Maastricht erfüllen, kann also von Anfang an mit dabeisein, wenn der Euro 1999 kommt. Die öffentlichen Schulden sinken unter 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das Defizit im laufenden Haushalt fällt unter 3 Prozent, und bei der Inflationsbekämpfung waren die Finnen schon im vorigen Jahr mit nur noch 0,6 Prozent Geldentwertung Europameister. Nach einer schweren Wirtschaftskrise zu Beginn der neunziger Jahre ist die finnische Wirtschaft seit 1994 wieder auf Expansionskurs. In diesem Jahr soll sie um stolze 4,6 Prozent wachsen.

Die Regierung in Helsinki läßt in Sachen Euro keinen Zweifel aufkommen.

Der sozialdemokratischer Ministerpräsident Paavo Lipponen, der eine Regenbogenkoalition mit den Konservativen, der Partei der schwedischen Minderheit, den Grünen und den Postkommunisten führt, sagte, für ihn sei es "eine Realität, daß die Länder der gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsunion einen neuen, inoffiziellen inneren Zirkel bilden werden, bei dem man dabeisein muß, wenn man die zukünftige Politik beeinflussen will".

Diesem Ziel, beim "inneren Zirkel" dabeizusein, hat Lipponen alles andere untergeordnet. Bei seinem Amtsantritt im April 1995 konnte er seine Koalitionspartner auf eine rigide Sparpolitik im Dienste der Maastricht-Kriterien verpflichten. Dabei hat sich in Finnland bis heute keine einzige Partei offiziell für die Teilnahme an der Währungsunion ausgesprochen, auch Lipponens Sozialdemokraten nicht, und ein Parlamentsbeschluß liegt schon gar nicht vor.

Und nicht alle Finnen betrachten den Weg ihres Landes mit ungeteilter Begeisterung. Hierzu gehören viele Frauen und Männer der evangelisch-lutherischen Kirche, der nominell rund 84 Prozent der Finnen angehören. Die Stellung der Kirche ist nach wie vor recht stark so eröffnete das Parlament, der Reichstag, altem Brauch entsprechend, seine neue Sitzungsperiode im Februar mit einem Gottesdienst. Jorma Laulaja, der Bischof von Lappo, las den finnischen Politikern dabei gehörig die Leviten. Er unterstrich dabei dick die Verantwortung der Gesellschaft - sprich: der Politiker - gegenüber den sozial Schwachen. Das war um so bemerkenswerter, als in den Parteien kaum jemand Zweifel am offiziellen Kurs der Wirtschaft äußert, obwohl dieser Kurs auch hohe Opfer von der Bevölkerung fordert.

"Aus vielen unserer Gemeinden hören wir seit Jahren, wie die Not zunimmt", sagt Heikki Jääskelainen, der Sekretär des Erzbischofs John Wikström. "Sozialpolitik ist eigentlich die Aufgabe des Staates, aber wir können ja auch nicht einfach tatenlos zuschauen. Wir organisieren daher eine Art Erster Hilfe."

In der Vorstadt Myllypuro, etwa acht Kilometer nordöstlich vom Zentrum der finnischen Hauptstadt Helsinki, wird diese Hilfe dringend benötigt. Am Kellereingang eines mehrgeschossigen Wohnhauses steht in unscheinbaren Lettern: Ruokapankki - Essensbank. Im Inneren sind auf drei Regalen Lebensmittel aller Art gestapelt: Nudeln, Reis, Kaffee, Tee, Margarine, Knäckebrot. Paul Pulli, der "Bankdirektor", und sein freiwilliger Mitarbeiter Paavo Kaionmaa füllen normierte Eßpakete in Plastiktüten. "Die Standardportion ist für eine Person, die große Packung ist für eine Familie mit Kindern." Sieben Gemeinden betreiben gemeinsam diese Bank. Hilfsbedürftige Finnen bekommen beim Diakon ihrer Gemeinde ein Formular, und mit dem in der Hand können sie sich dann Lebensmittel abholen.