Das Urteil der Unternehmensberatung McKinsey über die Führungsqualitäten deutscher Pfarrer und Priester ist keine frohe Botschaft: "Voller Angst, einsam und sprachlos" seien die Gottesdiener und Kirchenmanager.

Die kostenlose Beraterstudie hat den Klerus tief getroffen: Fünfhundert evangelische Gemeindemitglieder in München stellen ihren geistlichen Betreuern ein schlechtes Zeugnis aus. Die Befragten sehen sich in ihren Erwartungen nicht befriedigt. Statt sozialem Engagement oder Gottesbotschaft wünschen sich mehr als achtzig Prozent primär von ihrer Kirche, daß diese ihren Mitgliedern an den Brennpunkten des Lebens die Hand reicht, also sie bei Geburt, Erwachsenwerden, Heirat und Tod begleitet.

Noch härter als die Kritik von der Basis dürfte Kirchenmitarbeiter das altbewährte Rezept treffen, das McKinsey gegen die anhaltende Finanzmisere empfiehlt: Kosten reduzieren und Stellen abbauen.

Schon kreist neben dem Kruzifix der Rotstift über den Altären.

Etwa ein Zehntel der Ausgaben soll in den nächsten Jahren eingespart werden. Die badische reformierte Landeskirche hat bereits reagiert und wird mittelfristig voraussichtlich ein knappes Fünftel ihrer Stellen streichen. Für evangelische Theologen sind die fetten Jahre vorbei: "Bis zum Jahr 2000 müssen wir mit mehreren tausend Arbeitslosen rechnen", bilanziert Axel Sandrock, Aus- und Fortbildungsreferent bei der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der Grund für die klerikale Schrumpfkur liegt in der grassierenden Austrittswelle: 1963 kehrten knapp 24 000 Katholiken ihrer Kirche den Rücken, bis 1994 stieg die Zahl kontinuierlich auf 156 000. Bei den Evangelischen verabschiedeten sich 1963 knapp 38 000, 1994 traten 290 000 Protestanten aus. Zum Vergleich: Im selben Jahr verbuchten die Statistiker 60 000 evangelische Neuzugänge. Hält dieser Trend an, schrumpft die Herde der 28,5 Millionen evangelischer Schäflein in den nächsten zehn Jahren um 2,3 Millionen. Mit den Mitgliedern sinken auch die Steuereinnahmen. Mehrere hundert Millionen Mark gehen den beiden Großkirchen jährlich verloren.

Der Einnahmeschwund bringt Lutheraner, Calvinisten und Papsttreue gleichermaßen in Nöte. Statt Glaube, Liebe und Hoffnung halten Zielgruppen, Controlling und Managementmethoden Einzug in Diskussionszirkel und Oberkirchenratsstuben. Das Theologiestudium läßt die hilflosen Helfer im Stich: Die Dozenten von Ubiquitätslehre oder Unfehlbarkeitsdogma haben mit den betriebswirtschaftlichen Realitäten nichts am Doktorhut.

Die Wochenzeitung Das Sonntagsblatt nimmt sich der Verlassenen an. Auf dem Hamburger Kongreß "Unternehmen Kirche" wollen Ende dieser Woche Pfarrer, Ökonomen, Werber und Berater einander Mut zusprechen. Referent und Trendguru Matthias Horx entdeckt auf der Suche nach dem modernen Glauben "Gottvertrauen und Gelassenheit" als postjesuanische Eckpfeiler und Markenkern der evangelischen Christen.