Der "rote Knopf" ist ein sprichwörtlich gewordenes Phänomen moderner Technik. Er symbolisiert das Prinzip der kontrollierten Selbstzerstörung, die uferlose Unfallfolgen verhindert und Schäden minimiert. Beispielsweise bei der fehlgeleiteten Ariane 5-Rakete, deren Sprengung ein Computer auslöste. Doch der Mensch hat das Prinzip des "Not-Aus" zum zweiten Mal erfunden. Denn fast jede tierische Zelle wirft ein Suizidprogramm an, sobald sie sich im Interesse des Gesamtorganismus opfern muß: den programmierten Zelltod. Er birgt zugleich das Geheimnis böser Krankheiten - und ihrer Heilung.

Der zelluläre Suizid ist sauber, unauffällig und spielt sich mitunter blitzschnell ab. Ist ihre Zeit gekommen, aktiviert die Zelle selbstzerstörerische Enzyme, die ihre Erbsubstanz DNA samt Zellkern zerstückeln. Das Zellgerüst bricht ein, die Zelloberfläche sackt zusammen, und alles zerlegt sich in winzige Schnipsel, die von Nachbarzellen wiederverwertet werden. Was danach übrigbleibt, räumen die Makrophagen ab, die Müllabfuhr des Immunsystems.

Bereits im 19. Jahrhundert wurde der Zellselbstmord gleich mehrmals entdeckt - zuerst 1842 von Carl Vogt -, aber immer wieder vergessen.

Erst als die schottischen Pathologen John Kerr, Andrew Wyllie und Alistair Currie 1972 beschrieben, daß Zellen nicht nur durch die sogenannte Nekrose sterben, bei der sie krankhaft schwellen und zerplatzen, sondern auch durch ein sauberes, selbst ausgelöstes Programm, das seine Entdecker Apoptose nannten, lösten sie eine Lawine von Forschungsarbeiten aus: Wenn der programmierte Zelltod aus dem natürlichen Gleichgewicht gerät, kann er nämlich eine Reihe von Krankheiten verursachen, etwa Kre bs, Aids, Herzversagen, rheumatische Arthritis oder die Altersdemenz Alzheimer. Selbst im Zusammenhang mit der Rinderseuche BSE wird der zelluläre Selbstmord diskutiert.

Kein höherer Organismus kann sich ohne zellulären Suizid entwickeln.

Wenn eine Kaulquappe den Schwanz verliert oder sich bei menschlichen Embryonen Schwimmhäute zwischen den Fingern in Wohlgefallen auflösen, sterben massenweise Zellen nach Programm. Auch im Körper eines ausgewachsenen Menschen sichert ein steter Zelltod das Überleben.

Seit Beginn der Lektüre dieses Artikels beispielsweise sind Ihnen Millionen von Zellen weggestorben. Im Thymus etwa verabschieden sich unausgesetzt weiße Blutzellen, die nicht gut funktionieren oder körpereigenes Gewebe angreifen könnten.