Berlin

Hätten wir Hitler und seinen Krieg nicht gehabt, schriebe ich Egon Bahr nur einen privaten Geburtstagsbrief. Er wäre an einen Musiker, vielleicht einen Mann des Theaters gerichtet, nichts anderes schien ihm und uns vor 57 Jahren vorstellbar. Er war der Star der Klasse, wenn es um Musik und Schauspiel ging, ein junger Künstler, der am Klavier hing und Lehrer werden wollte, aber anders als sein Vater nur für das Musische. Als wir uns bald nach dem Krieg wiedertrafen, begegnete ich einem - beinahe - anderen Egon Bahr. Er war Journalist geworden, mußte schon eine Familie ernähren und hatte kaum Zeit für die Kunst und auch nicht für Nietzsche, über den wir uns als Schüler - damals staunend, wie einer das Gegenteil von allem, was sonst galt, schreiben konnte - lebhaft unterhalten hatten.

Die Zeiten hatten andere Eigenschaften herausgefordert, den klaren, scharfen Verstand, den Sinn für Politik, die Teilnahme am Schicksal des Landes. Er spielte weniger Klavier als Schach, und sein Sinn für die Form äußerte sich in einem strengen, lakonischen Stil, der jetzt auch wieder seine Erinnerungen auszeichnet. Humanistische Gymnasien prägen mehr, als ihren Absolventen meist bewußt ist.

Geblieben war die Begeisterungsfähigkeit. Was Egon Bahr tat, das tat er ganz, das gilt bis heute. Zuweilen schien es mir über das rechte Maß zu gehen, was er jeweils wichtig, nötig oder herrlich fand, aber wahrscheinlich liegt gerade hier sein Erfolgsgeheimnis.

Er verbindet Leidenschaft mit Verstand. Er läßt sich, man kann es schwer anders sagen, von heißem Herzen treiben, aber analysiert und kalkuliert kalt bis ans Herz. Er kam weiter als andere, weil er unbedingt weiter wollte, doch er dachte auch mehr nach und voraus als die anderen - "logisch" ist seine Lieblingsvokabel.

Von den meisten Journalistenkollegen unterschied er sich, weil er zwar die Informationspflicht sehr ernst nahm, aber zugleich politisch etwas wollte. Nicht der Bericht, der Kommentar war sein eigentliches Feld. Von den meisten Politikerkollegen unterschied er sich, weil ihm die Sache wichtiger war als die Karriere.

Er war ein Preuße, also mehr, als Amt und Rang verrieten: Pressechef des Berliner Senats, vor allem aber Berater von Willy Brandt.