MÜNCHEN. - In bayrischen Wirtshäusern war es einst guter Brauch, sich an jene Tische zu setzen, wo schon wer hockte: damit man, bei Bedarf, eine Ansprache habe, einen Ratsch (mit ganz langem a). Vom Wetter über den Bierpreis ging's dabei vielleicht zur Politik und folglich auch wieder retour zum unbeständigen Wetter.

Ganz selten, daß ein Bierkrug darüber zerbrach.

Die Gläser heute haben keine Henkel mehr, und die Einheimischen hocken daheim, wo sie Chips, Talk-Shows und ihren Ärger in sich hineinfressen. Aber seit dem 24. Februar können sie alle wieder miteinander reden, schimpfen und gewaltig aufdrehen in Wut und schäumendem Zorn. Oft ist es da gut, daß keiner einen Bierkrug dabei hat auf dem Marienplatz, mitten in der guten Stube von München.

Wo sonst Japaner gruppenweise lächeln und Texaner nach dem Houfbraohaos fragen, wo mittags tausend Mann nach dem (jammervoll schlichten) Glockenspiel starren, wogen nun alltäglich die Grüppchen von Verschwörern und Empörern: "Schweinerei, Lüge, aber mit uns kann man ja alles machen! Reden S' doch nicht, wenn S' nix wissen!" so rumort und knötert, bellt und grollt es, und "ich geb' Ihnen ja recht, Herrgottsakrament!

Hören S' halt zu!"

Zuhören tun vor allem die außen rum, die von Gruppe zu Klumpen flanieren, kibitzen und festkleben, rot anschwellen und plötzlich dazwischenplärren, festhängen oder kopfschüttelnd weiterziehen, sieggeschwellt oder begossen. Wie bei den Pantoffeltierchen unterm Mikroskop, so flitzt und wabert das übern Platz, dockt an, lauscht, dringt in den inneren Kern der Streithähne vor oder flößt ratlos und mitteilungssüchtig weiter.

Weil man aber nie gewiß sein kann, wie die anderen denken, herrscht eine gewisse Vorsicht beim Argumentieren wie beim Schwadronieren, was der Sache und der Diskussionskultur guttut. Die organisierten Ignoranten sind nach ihren Wochenendaufmärschen eh in Bussen zurückverschubt worden, so daß man nun wieder unter sich ist. Und da zeigt sich, die Münchner sind keineswegs so verhetzt wie von der CSU angestrebt, vor allem die Jungen wollen den Fehlinformationen nicht auf den Leim gehen und schauen sich "die Sache" erst mal selber an: Etwa siebzig Prozent der Ausstellungsbesucher sind im Schulalter, und alle stehen in nicht abreißender Warteschlange an, so daß von einem Rekordbesuch zu berichten ist.