Moskau Als Igor Tschubajs, der Bruder des neuen Ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten Rußlands, im vergangenen Jahr im Krankenhaus lag, hörte er im Nebenzimmer einen Arzt sagen: "Wenn er mit dem da oben verwandt ist, werde ich ihn nicht untersuchen." Ausgerechnet "den da oben", dem siebzig Prozent der Russen nicht trauen, hat Boris Jelzin beauftragt, in der russischen Wirtschaft und Verwaltung gründlich aufzuräumen. Anatolij Tschubajs kennt diese Rolle. Wenn es ernst um Rußland steht, wenn der Volkszorn hörbar siedet, wenn die Popularität des Präsidenten dramatisch fällt, dann setzt Jelzin ihn gern als Joker ein.

Nach acht Monaten Siechtum und Stillstand inszeniert der Präsident den Frühjahrsputz. In seiner Rede vor beiden Häusern des Parlaments vorige Woche präsentierte er sich als energischer Anwalt des Volkes gegen eine lethargische Regierung. Nun wird durchgelüftet. Das gesamte Kabinett schickte er vorerst nach Hause, übrig blieb allein Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin. Der 41jährige Tschubajs und der alte Premier sollen ein neues, gestrafftes Kabinett berufen und alles anders machen - nach dem Winter der nicht gezahlten Löhne und vor den landesweiten Protestdemonstrationen der Betrogenen und Verdrossenen am 27. März.

Von Anatolij Tschubajs erwartet der Präsident einen so durchschlagenden Erfolg wie vor einem Jahr. Damals hatte Jelzin den von ihm selbst kurz zuvor geschaßten Vizepremier in seinen Stab geholt, als die Umfragen dem Präsidenten eine Niederlage bei den Wahlen prophezeiten.

Tschubajs schmiedete den Pakt mit mächtigen Banken, die Jelzins Wahlkampfkasse im verborgenen über das erlaubte Maß aufpumpten.

Der Präsident gewann souverän.

So einfach aber werden sich die anstehenden Aufgaben jetzt nicht erledigen lassen. Im Weg liegen diesmal dickere Brocken als ein kommunistischer Rivale: die allmächtigen Kartelle und die allgegenwärtige Korruption, die überbordende Bürokratie, die drückende Steuerbelastung der einen, die dreiste Steuerhinterziehung der anderen, überhaupt die fehlende Zahlungsmoral in einem Lande, wo als naiv belächelt wird, wer überhaupt noch Rechnungen bezahlt. Tschubajs soll das alles richten.

An Schneid und Selbstvertrauen fehlt es dem Petersburger Wirtschaftswissenschaftler nicht. Er ist kein Anfänger. In der Umgebung Jelzins ist Tschubajs der letzte Politiker aus Jegor Gajdars Reformer-Mannschaft, die 1991 auszog, den Russen die Angst vor dem Kapitalismus zu nehmen, viele dabei aber statt dessen neues Fürchten lehrte. Tschubajs leitete das Staatskomitee für Privatisierung. In einer gigantischen Kampagne wurden 14 000 Betriebe innerhalb von zwanzig Monaten entstaatlicht, sowjetisches Staatsvermögen in private Hände geleitet, Eigentum und damit Macht umgeschichtet, die Reform historisch unumkehrbar gemacht. Dafür loben manche Ökonomen Tschubajs noch heute.