Zur Geschichte der Überwachungskunst, von der Höhle des Dionysios bis zum wundersamen Wirken unseres Verfassungsschutzes, gibt's viele schöne Bücher, was indes leider fehlt, ist eine Chronik der innerfamiliären Ausspähung, nicht der in staatlicher Mission, sondern der ganz privatim. All die Frauen, die ihre Männer, all die Männer, die ihre Frauen bespitzeln, die Väter, die ihren Töchtern nachschnüffeln . . . Der große Diderot, ständig bei seiner angebeteten Angélique zu Besuch, kaum daß sie einen eigenen Hausstand hat, oder eben Knigge: Tochter Philippine entkommt ihm nicht, selbst im Detmolder Pensionat wird sie fernüberwacht. Und wehe, die Beichte bleibt lau, dann folgt postkutschenwendend die väterliche Antwort: "Manche Dinge, die ich von andern Leuten weiß, hast Du mir verschwiegen."

Halb komisch, halb bizarr liest sich Manfred Grätz' Bericht über die Erziehung der Philippine Knigge, sein Beitrag zu einem Buch, das zwar "Adolph Freiherr Knigge in Kassel" heißt (hrsg. von Birgit Nübel Verlag Weber & Weidemeyer, Kassel 163 S., 29,50 DM), doch weit mehr bietet als bloß regionalanekdotische Nachträge zum 200.

Todestag des Schriftstellers im vergangenen Jahr. Denn außer der Geschichte Philippines, die sich später selbst literarisch ertüchtigte, wird hier, fabelhaft illustriert, die ganze Kulisse zu Knigges Leben aufgespannt, eines Mannes, der als adeliger Freigeist und bürgerlicher Lebenskunsttheoretiker seinen eigenen Weg ins Offene fand.

Geradezu behaglich dagegen mutet die bürgerliche Erfolgsgeschichte des Georg Joachim Göschen an, die Eberhard Zänker in seiner Monographie erzählt (Sax-Verlag, Beucha 165 S., 24,80 DM). Der Kaufmannssohn aus Bremen, geboren 1752 - im selben Jahr wie Knigge -, wurde zu einem der großen Verlegerfürsten der Goethischen Kunstepoche seine Ausgaben der Werke Wielands, Schillers, Klopstocks haben Kulturgeschichte gemacht. Zänkers üppig durchbildertes Bändchen berichtet zudem über die schöne Kunst der Göschenschen Typographie und das häßliche Übel der Raubdruckerei, mit dem der Verleger zeitlebens zu kämpfen hatte. Das Verlagshaus (mit Gedenktafel für den Lektor Seume!) und seine Gartenvilla sind noch heute im zarten Städtchen Grimma bei Leipzig zu sehen, wo Göschen 1828 auch starb - allen Besuchern der Frühjahrsmesse zu einem Ausflug herzlich anempfohlen.

Eines der letzten Bücher, das zu Lebzeiten Göschens in seinem Verlag erschien, war eine Auswahl der Gedichte Friedrich Haugs (1761-1829). Ein Klassiker auch er, obwohl mehr im stillen: ein Klassiker des Epigramms, des fidelen Scherzgedichts die "Hyperbeln auf Wahls große Nase" sind von Learscher Qualität. Klett-Cotta hat sein Werk neu herausgebracht ("Gesellige Gedichte" 114 S., 38,- DM) - eine winzige Probe, versteht sich, denn Haug, der fleißige Stuttgarter, habe, schreibt Heinz Schlaffer in seinem trefflichen Nachwort, wohl so circa zwanzigtausend (!) Sinngedichte verfaßt.

Gesellige Verse in des Wortes mehrfacher Bedeutung, denn Haug war ein Dichter für die große Runde, heiterer Vertreter jener Schwabenkultur, der auch Mörike, Vischer und Uhland entsprossen.

Ein lustiges Buch, schön gedruckt obendrein, und obwohl bei Cotta erschienen, dem ewigen Konkurrenten - Göschen hätte seine Freude dran!