Politiker wissen nicht, was unter Kultur zu verstehen ist. Das behauptete Hans Magnus Enzensberger 1995 in einem erregt formulierten Text zur auswärtigen Kulturpolitik. Ein "hübsches Ornament", das sei Kultur für Beamte und Politiker. Eine "Art Schaumgebäck", das ohne weiteres vom Menü gestrichen werde könne. Was Kultur nun aber wirklich sei, hat Enzensberger nicht verraten.

Anders das Statistische Bundesamt: Druckerzeugnisse und Literatur, Musik, darstellende und bildende Kunst, Film, Hörfunk, Fernsehen, soziokulturelle Aktivitäten und natürlich das kulturelle Erbe - das ist Kultur. Das Statistische Bundesamt mußte sich festlegen.

Denn das Bonner Innenministerium hatte eine Studie angefordert über "Kultur in Deutschland". Zahlen und Fakten hat das Amt zusammengetragen: 427 000 berufsmäßig mit Kultur beschäftigte Menschen gibt es in Deutschland, knapp die Hälfte davon sind Frauen. Immerhin mehr als ein Prozent der 36 Millionen Erwerbstätigen in unserem Land.

Reich werden die wenigsten von der Kultur. Die "Publizisten" verdienen in der Mehrzahl zwischen 2200 und 4000 Mark pro Monat, die "Künstler" kommen selten über 3000 Mark hinaus. Ein westdeutscher Vierpersonenhaushalt mittleren Einkommens kauft pro Monat "Kulturgüter" im Wert von durchschnittlich 360 Mark, ein ostdeutscher etwas weniger. So kommen - über den Daumen gepeilt - pro Jahr rund 150 Milliarden zusammen.

Die öffentlichen Kulturausgaben sind in den achtziger Jahren kräftig gestiegen, ganz besonders in den Großstädten. Nach der deutschen Wiedervereinigung gerieten sie unter Druck. Streicht die Politik nun "Schaumgebäck" von der Menükarte öffentlicher Ausgaben? Nach einer Emnid-Umfrage meinen immerhin 39 Prozent der Deutschen, zur Konsolidierung der öffentlichen Haushalte sollte bei den Kunstausgaben gespart werden. Nur noch die Bundeswehr würden sie als Sparobjekt der Kunst vorziehen. Die Bereitschaft, bei Kindergärten, Polizei, Umweltschutz, Sozialhilfe oder Straßenbau zurückzustecken, ist weitaus geringer.

Bei den meisten öffentlichen Ausgaben wissen die Bürger, was sie als Gegenleistung für ihre Steuern zu erwarten haben. Doch was haben sie von der Kunst? Wenn Botho Strauß recht hätte: rein gar nichts. Deshalb sollte man - so Strauß in seinem berühmt-berüchtigten "Anschwellenden Bocksgesang" - überhaupt aufhören, von "Kultur" zu sprechen. Zum einen gebe es das, was die Masse bei Laune hält zum anderen das, was den "Versprengten", meint wohl: der kulturellen Elite, gehöre. Beides sei "durch den einfachen Begriff der Kloake, des TV-Kanals für immer getrennt".

Man muß der deutschen Kulturelite einfach dankbar sein, für diese hilfreichen Worte in schwieriger Zeit. Danke, Hans Magnus Enzensberger, für das Schaumgebäck. Dank auch an Botho Strauß, für die Kloake.