Allmählich kommt Bewegung ins Spiel. Seit Jahren schon mahnen Kritiker, die als zu starr gescholtenen deutschen Tarifverträge müßten grundlegend reformiert werden. Die Verantwortlichen bei Gewerkschaften und Arbeitgebern denken da mittlerweile nicht mehr viel anders. Jüngstes Beispiel: Klaus Zwickel, Chef der IG Metall, ließ in dieser Woche wissen, auch er sehe in der Tarifpolitik "Modernisierungsbedarf". Künftig müsse es zwischen Branchen und Regionen größere Unterschiede geben.

Was auf den ersten Blick sehr technisch klingt, bedeutet tatsächlich eine kleine Revolution. Denn bislang gelten die von der IG Metall erstrittenen Flächentarifverträge unterschiedslos für alle Betriebe der weitgefächerten Metall- und Elektroindustrie, egal ob sie Büroklammern, Glühbirnen oder Sportwagen produzieren. Und formal wurden zwar in allen Tarifbezirken separate Abkommen ausgehandelt, de facto unterschieden die sich aber nur in Kleinigkeiten. Zwickels Idee bedeutet nicht weniger, als sich von dieser seit Jahrzehnten geübten Praxis zu verabschieden.

Bei den Arbeitgebern wird sich freilich mancher gut überlegen, ob er diesem Vorstoß folgen mag. Denn bisher müssen sich die Tarifabschlüsse auch an jenen Branchen orientieren, in denen die Rentabilität nicht allzu üppig ist. Dieses Geleitzugprinzip nutzt profitablen Industrien, die sich allenfalls überlegen können, ihren Leuten freiwillig ein paar Mark draufzuzahlen. Künftig wird die IG Metall dort kräftig zulangen wollen, wo die Gewinne ordentlich sprudeln.

Doch auch für die Gewerkschaft ist das Vorhaben nicht ohne Risiko.

Denn der alte Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" gilt immer weniger, wenn Einkommensunterschiede etwa zwischen den Regionen wachsen. Eine Alternative aber gibt es nicht. Entweder nähert sich das Tarifsystem der Realität an, und die ist sehr differenziert.

Oder es wird alsbald kaum noch eine Rolle spielen.