KIEL. - Wenn die Sonne hinter Nortorf versinkt, dann ist das möglicherweise nicht ganz so spektakulär wie ein Sonnenuntergang in Marlboro Country und die wettergegerbten Männer, die sich abends ums Lagerfeuer oder den heimischen Herd versammeln, haben ihr Tagwerk vermutlich eher in einer der umliegenden Kiesgruben als im Sattel verrichtet.

Doch wenn sie sich zur Entspannung eine Zigarette gönnen, dann kann deren Tabak ebenso aus ihrer Heimat stammen wie aus den Weiten Virginias: Schleswig-Holstein ist das nördlichste Tabakanbaugebiet Europas auf 250 Hektar Land werden im Herzogtum Lauenburg und rund um die Orte Nortorf und Segeberg jährlich 600 Tonnen des gelben Krautes produziert.

Das Landwirtschaftsministerium, gewohnt, die Agrarerzeugnisse des Landes von der Rübe bis zur Miesmuschel in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, findet nur lobende Worte für "Virginia D", einen "luftgetrockneten, hellen" Tabak. So gut sei seine Qualität, daß er selbst nach Amerika verkauft werden könne. Das unterschiede ihn von den inferioren Gewächsen, die in Europa sonst so gezüchtet werden: Von denen lassen sich nach einem Bericht der EU-Kommission lediglich zwanzig Prozent europaweit vermarkten die restlichen achtzig Prozent finden wegen ihrer geschmacklichen Minderwertigkeit nur Abnehmer in Entwicklungsländern und in der ehemaligen Sowjetunion.

Nur zwanzig Prozent ihres Einkommens erzielen die europäischen Tabakbauern über den Marktpreis ihres Produktes: Der Rest sind Subventionen. Mit 993 Millionen Ecu, knapp zwei Milliarden Mark, unterstützte Brüssel zuletzt den Tabakanbau zwei Millionen davon flossen nach Schleswig-Holstein. Bei etwa 25 Tabakbauern bedeutet das im Schnitt eine Zuwendung von 80 000 Mark jährlich - nicht wenig für ein Erzeugnis, das der Volksgesundheit, höflich formuliert, eher abträglich ist.

Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe entstehen allein dem bundesdeutschen Gesundheitswesen jedes Jahr durch die Behandlung von Lungenkrebskranken und Herzinfarktopfern mehr als 95 Prozent der Lungenkrebserkrankungen werden nachweislich durch das Rauchen verursacht in Deutschland sterben mehr Menschen an den Folgen des Tabakkonsums als durch Aids, Autounfälle, Mord, Selbstmord und illegale Drogen.

Für das schleswig-holsteinische Gesundheits- und Sozialministerium, das bei seiner umstrittenen Kampagne für die Legalisierung von Haschisch gern auf die Gefahren des "legalen" Rauchens und Trinkens verweist, böten sich vor diesem Hintergrund ungeahnte Betätigungsmöglichkeiten: beispielsweise die Umschulung der 25 Tabakbauern zu Cannabis-Farmern.