Hinter mir stand der Mörder." So heißt es in der "Tabelle von den deutschen Präpositionen", ein Beispielsatz der Kategorie "sich nähernd" für die Bestimmung "hinter, als dem Orte". Für "hinter, als dem Ziele" steht daneben: "Hinter die Wand hatte er sich versteckt."

Als Karl Philipp Moritz mit solchen Sätzen die deutsche Sprache in Ordnung brachte, hatte der Dichter sein Mordsstück "Blunt oder der Gast" schon geschrieben. Nun wollte er endlich mal klären, wann es "hinter" heißt und wann "hinter weg", wann "zwischen" und wann "zwischen weg", warum die Sonne weiblich, der Mond aber männlich, das Männchen schließlich sächlich sei: ein uns doch komischer Ehrgeiz. Verständlich, sogar selbstverständlich nur, wenn man sich daran erinnert, daß solche wie Moritz, geboren 1756 in Hameln als ziemlich armer Leute Kind, die Anfangsgründe ihrer Bildung und deren erste Aufbauten allein durch Kirche und Theologie erhielten. In deren pietistischer Version, die Karl Philipp Moritz genoß, war die Sucht nach Systematik groß. Da wurde der Ordnung der Sinn abgeschürft, denn Ordnung war nicht das halbe Leben, sondern dessen ganzer Ersatz. Ordnung in der Seele, Tabellen in der Sprache, System in den Gedanken.

Der Schüler Moritz besaß schon "eine vollständige Dogmatik mit allen Beweisstellen aus der Bibel, und einer vollständigen Polemik gegen Heiden, Türken, Juden, Griechen, Papisten und Reformierte".

Der erwachsene Moritz, Pädagoge und Philologe, Freimaurer und Dichter, schrieb eine Kinderlogik allein aus dem Geist der "großen Wissenschaft des Einteilens und Ordnens, des Vergleichens und Unterscheidens". Schutz vor Chaos in- und außerwärts, im Kopf, im Körper, im Kleinstaat. Wer keine Ordnung hält, verliert die Fassung. Und wehe dann.

Dann kann man ein Mörder werden. Wie Blunt, der hinter dem Fremden steht. Und ihm dann doch von vorn das Messer in die Gurgel stößt.

Der Fremde schläft nämlich. Dann ist er aber hinter weg ganz tot.

Die Schaubühne hat's abgesagt. Im Winter 1994 erschien beim Verlagsvertrieb Zweitausendeins ihr Programmheft, und aus dem Theater kam, ein paar Tage vor der Premiere, eine Erklärung: "Die Mitwirkenden sind der Auffassung, daß sie in ihrer Arbeit nicht zu dem Ergebnis gekommen sind, das eine Aufführung rechtfertigt." So hoch- und demütig zugleich kann derzeit nur eine deutsche Theatertruppe scheitern, an einem kleinen Stück dazu, "Fragment" genannt, mit sechs Personen und gerade mal zwölf Szenen. Zweihundertundsechs Jahre hatte es überhaupt gebraucht, um auf die Bühne zu kommen, in einer Uraufführung von Studenten. Aus Heidelberg die hatten es einfach gewagt. In diesem Frühling aber spielen den Text sogar zwei Staatstheater, Darmstadt und Stuttgart.