Damaskus/Amman/Beirut Der Frieden schien zum Greifen nahe. Vier Jahre hatten Syrer und Israelis seit 1992 unter amerikanischer Vermittlung in Washington und auf dem Landsitz Wye Plantation verhandelt. Und sie schafften es, sich zu einigen. Israel erklärte sich zu einem vollständigen Rückzug von den 1967 besetzten syrischen Golanhöhen bereit. Als Gegenleistung bot Syrien umfassende Sicherheitsgarantien und die Normalisierung der Beziehungen. Diese unter dem israelischen Premier Rabin begonnenen Geheimverhandlungen standen kurz vor dem Abschluß, als sein Nachfolger Schimon Peres sie im Februar 1996 aussetzte.

Vermutlich wollte er vor den in Israel anstehenden Neuwahlen keine Konfrontation mit den Siedlern riskieren, die auf den Golanhöhen überdies mehrheitlich Anhänger der Arbeitspartei sind. Schimon Peres hoffte auf einen Sieg, auf eine indirekte Vertrauensabstimmung für seine Politik des "Land gegen Frieden". Mit diesem Mandat hätte er die Kraftprobe mit den Siedlern - ihre Evakuierung vom Golan - und den Frieden mit Syrien wagen können.

Aber im Mai 1996 entschieden sich die israelischen Wähler mit knapper Mehrheit für den charismatischen Ideologen und Rechtskonservativen Benjamin Netanjahu. Seine Priorität war und ist nicht Frieden mit Syrien, sondern die fortgesetzte Judaisierung der West Bank und Ost-Jerusalems. Verärgert über den Lauf der Ereignisse, gab der syrische Präsident Hafiz al-Assad im September 1996 im amerikanischen Nachrichtensender CNN bekannt, daß die Israelis sich zu einem vollständigen Rückzug vom Golan bereit erklärt hätten. Schimon Peres hat diese sensationelle, in der westlichen Öffentlichkeit gleichwohl kaum registrierte Enthüllung nie dementiert. Vielmehr zeigte er sich in zahlreichen Interviews enttäuscht über die Weigerung Assads, sich mit ihm öffentlich zu präsentieren - ein historischer Handschlag hätte die Wahlchancen für Peres unweigerlich erhöht.

Doch Assad ist nicht Sadat, die politische Unbeweglichkeit und Verschlossenheit des syrischen Regimes verträgt kein Blitzgewitter der Medien. Damaskus setzt auf leise Töne. Auf amerikanischen Druck werden Israelis und Syrer in Kürze ihre Friedensverhandlungen wiederaufnehmen. Vor diesem Hintergrund hat der Botschafter Syriens in Washington, Walid al-Muallim, dem seriösen Journal of Palestine Studies ein bemerkenswertes Interview gegeben, das ungewohnte Einblicke in den bisherigen Verlauf der Friedensverhandlungen erlaubt. Zwar sei das israelische Angebot eines vollständigen Rückzuges nie schriftlich festgehalten worden. Aber, so Walid al-Muallim, der seit 1994 auch Leiter der syrischen Verhandlungsdelegation ist, es wurde darüber in Wye Plantation konkret verhandelt. "Ich sagte Dennis Ross (dem amerikanischen Nahost-Sonderbeauftragten): ,Bitte halten Sie alles fest, was die israelische Seite sagt.` Tatsächlich wurde ja alles, was gesagt wurde, in Gegenwart der Amerikaner gesagt. Wichtige Punkte, über die man sich geeinigt hatte, wurden grundsätzlich mit ihnen und von ihnen festgehalten."

Netanjahu hat nicht vor, die Verhandlungen mit Syrien dort fortzuführen, wo sie von seinem Vorgänger Peres ausgesetzt worden waren. In Washington erklärte er vorigen Monat, daß es keine israelischen Verpflichtungen gegenüber Syrien gebe, sondern lediglich "hypothetische Aussagen, die im Laufe von Verhandlungen gemacht worden sind".

Das heißt im Klartext: Die Likud-Regierung beabsichtigt nicht, sich von den Golanhöhen zurückzuziehen. Ebensowenig, wie sie die Gründung eines palästinensischen Staates mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem zulassen wird. Noch nie in der Geschichte des jüdischen Staates waren die Rahmenbedingungen für einen umfassenden Frieden mit den arabischen Nachbarn so günstig wie seit der Unterzeichnung des israelisch-palästinensischen Grundlagenvertrages vom September 1993.

Und noch nie hat eine israelische Regierung so gründlich historische Chancen verspielt wie gegenwärtig unter Benjamin Netanjahu.