Der steinerne Löwe, der auf der Brunnensäule am Marktplatz den Schild mit dem Stadtwappen trägt, kehrt sein Hinterteil den Abteiruinen zu. Diesen Affront hatten die Bürger von Münster ausgeheckt, als sie sich 1575 im Zuge der protestantischen Reformation von der Feudalmacht der katholischen Benediktinermönche befreiten. "Wenn der Löwe furzt, toben die Äbte", hieß es damals, und das ganze Tal war von aufmüpfigem Gelächter erfüllt.

Die Bewohner des elsässischen Münstertals, das im Osten bei Wintzenheim und Türckheim beginnt, um sich in westlicher Richtung bis zur blauen Linie der Vogesenkämme emporzuschwingen, hatten seit jeher Schädel so dick wie Vogesengranit. Sie rauften sich mit den Lothringern von jenseits der Kuppen, wenn diese ihre Kühe auf den elsässischen Almen grasen ließen. Im 17. Jahrhundert versuchten sie in blutigen Fehden dem französischen König Ludwig XIV. die freie Nutzung der Wälder abzutrotzen. Die Revolte war vergebens, und der erzürnte Regent bestrafte die Aufständischen, indem er 1673 die Befestigungsmauern von Münster sprengen und das Tal in wirtschaftlicher Isolation dahinsiechen ließ. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts blühte die Vallée de Munster auf, ertönte am Ufer der Fecht das Klappern der Sägewerksmühlen und das Rattern der Webstühle. Die Fabrikantenfamilie Hartmann ließ Tuchfabriken bauen, die bis zu 4000 Arbeiter beschäftigten.

Die Industriellen waren Großkapitalisten und Wohltäter zugleich: Sie schufen Schulen, Kirchen, Theater sowie die Bahnlinie Colmar-Münster.

Doch da gallischer Hahn und germanischer Adler sich immer wieder die Krallen zeigten, sollte der Wohlstand nicht lange währen.

Tomi Ungerer, elsässischer Karikaturist, hat dieses Hinundhergezerre zwischen den Nationen einmal folgendermaßen resümiert: "Das Elsaß war wie eine Toilette, immer besetzt. Man lebte unter deutschen Stiefeln oder französischen Pantoffeln." Im Ersten Weltkrieg wurde Münster zu 85 Prozent zerstört. Auf dem Marktplatz kennzeichnet ein Pflasterstein die Stelle, an der am 19. August 1914 eine deutsche Granate einschlug und Dutzende Menschen schwer verletzte.

Heute ist das dreißig Kilometer lange Münstertal ein friedlicher Landstrich von stiller Schönheit. Die zerbombten Weiler wurden restauriert, und die Wunden jener Epoche, als das Elsaß allein zwischen 1871 und 1945 viermal die Staatszugehörigkeit wechselte, vernarben. Die Häuser sind spitzgieblig und tragen Storchennester.

Man liebt Sauerkraut und Gugelhupf, die Menschen geben sich sinnenfreudig und rieslingselig. Mit den Sprachen wird gekonnt jongliert. Beobachtet man die Männer an den Stammtischen, die vor langstieligen Weingläsern sitzen und die Karten auf buntkarierte Tischtücher dreschen, so hört man, wie mal "Merde!", mal "Scheiße!" und mal im elsässerditschen Dialekt geflucht wird.