Das Schicksal der Nomaden Ostafrikas ist das Thema der bewegenden Dokumentation Nomadenland (Aus dem Englischen von Thomas Marti Marino Verlag, München 1996 288 S., 29,80 DM). Der Autor George Monbiot erlebte bei den Hirtenstämmen Kenias und Tansanias, den Turkana, Samburu, Massai und Somali, das Ende einer Epoche, die durch die europäische Kolonialisierung Afrikas aus der Balance geraten ist und ihr Gleichgewicht nicht wiederfindet. Bevor die ersten Nationalparks eingerichtet wurden, um das von der Großwildjagd dezimierte Wild zu schützen, weideten Nomaden ihre Rinder in der Serengeti, in Tsawo und in Masai Mara. Doch die Hirten, die seit Jahrhunderten einen Weg der Koexistenz mit Gnus, Elefanten und Löwen gefunden hatten, mußten ihre Weidegründe verlassen, um die Regeneration der Wildnis nicht zu stören.

Das war nur der Anfang der Maßnahmen gegen die Nomaden: Von den betroffenen Nationalstaaten gefördert, drängen auch Ackerbauern die Hirten immer weiter auf unfruchtbares Land, wo die Herden nicht mehr überleben können. Händler und Politiker machen die Viehzüchter durch Alkohol und Hunger gefügig, Polizisten und Militärs gehen mit Haft, Folter und Mord gegen sie vor. Die vermeintliche Freiheit ist den Unfreien ein Dorn im Auge.

Eindringlich schildert Monbiot das traditionelle Leben, man meint, die Herdfeuer der Ältesten zu riechen, die Lieder der Moran zu hören, die vielleicht nie wieder über die Savannen Ostafrikas klingen werden. Erschütternd sind die Berichte seiner Gewährsmänner und die Ergebnisse seiner Recherchen. Die Sache der Nomaden ist auch die des Autors - das ist die Stärke dieses Buches.

Seine Schwäche liegt in Monbiots Hang zum Klischee, angefangen bei populärwissenschaftlichen anthropologischen Betrachtungen über die Entwicklung der Menschheit bis hin zum "kollektiven Unbewußten", das er allzu gerne bemüht, um sich Ähnlichkeiten in Religion und Mythologie zu erklären, die er zwischen Turkana und Gälen, zwischen Massai und den alten Römern zu entdecken meint. Aber darüber kann man hinweglesen. Was bleibt, ist ein bewegender Bericht über die Situation der Nomaden Ostafrikas, die mit den vereinten Kräften von Politik, Naturschutz und Entwicklungshilfe zu Fall gebracht werden sollen.