Wann und wie die bürgerkriegsähnlichen Gewaltausbrüche auch enden - die Druckwelle der Krise wird auf dem Balkan noch jahrelang zu spüren sein. Die albanische Frage steht wieder auf der Tagesordnung und der Westen vor einer Reihe von Rätseln. Antworten hat er kaum.

Man kann es sich leichtmachen und behaupten, daß Albaniens innere Schwierigkeiten wenig zu tun haben mit den politischen Krisen der anderen Balkanstaaten. Schließlich waren die jüngsten Unruhen in Serbien das Werk von Präsident Slobodan Milosevic, der sich weigerte, den Sieg der Opposition bei den Kommunalwahlen im vergangenen November anzuerkennen. Und der Zusammenbruch in Bulgarien ist die Folge einer verfehlten Wirtschaftspolitik ein neokommunistisches Regime hatte sich an einer Marktwirtschaft des dritten Wegs versucht und dabei hohe Arbeitslosigkeit, eine hohe Inflationsrate und noch dazu eine Versorgungskrise wie in frühbolschewistischen Zeiten ausgelöst.

Demgegenüber schien die albanische Zukunft, rein äußerlich zumindest, unter einem günstigen Stern zu stehen. Auf albanischem Boden hatte nach 1989 kein Krieg stattgefunden. Die Regierung konnte sich auf eine breite parlamentarische Mehrheit stützen. Der Präsident behauptete, daß er ein Anhänger richtiger Wirtschaftsreformen sei, und er wurde vom Westen anfangs respektvoll behandelt. Die Tatsache jedoch, daß Albanien nun doch von einer Gewaltwelle überschwemmt worden ist, zeigt, wie groß der Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit auf dem Balkan geblieben ist.

Jahrzehntelang hatte Albanien das schlimmste kommunistische Regime Osteuropas: eine bizarre Mischung aus Nationalismus, kultischer Führerverehrung und einer vollkommenen Abschottung gegen den Rest der Welt - eine Art Nordkorea auf europäischem Boden. Aus dieser Isolierung konnte sich kein schmerzloser Fortschritt entfalten.

Ihm standen außerdem die besonders starken Familienbande und die höchst unterschiedlichen Traditionen entgegen, die Norden und Süden des Landes fast in zwei Stammesgebiete teilen.

Zu Betrügereien mit sogenannten Pyramidenfirmen ist es in fast allen ehemals kommunistischen Staaten gekommen. Sie sind eine Begleiterscheinung dessen, was man als "infantilen Kapitalismus" bezeichnen könnte, und beweisen zunächst nichts anderes, als daß ein Übergang zur Marktwirtschaft ohne ein Grundverständnis der Marktgesetze nicht funktionieren kann. Albanien ist nur insofern ein Sonderfall, als sich fast die gesamte Gesellschaft an dem Glücksspiel beteiligt hat. Damit sind die Vorstellungen von "Marktwirtschaft" innerhalb weniger Wochen auf fatale Weise erschüttert worden.

In diesen Wirren wurde Präsident Sali Berisha vom Westen unterstützt, weniger weil er eine glaubwürdige demokratische Figur abgab, sondern weil es ihm mehrere Jahre lang gelungen war, sein Land in Schach zu halten. Die finanzielle Unterstützung Albaniens durch die Europäische Union (pro Kopf der Bevölkerung gerechnet, erhält das Land mit Abstand die meisten EU-Hilfsmittel) wurde zwar größtenteils verschwendet.