Ohne Auto läuft gar nichts. Nirgends an den schnurgeraden, pingelig sauberen Straßen und Avenues des zwölf Meilen langen und zwei Meilen breiten Ferienorts erspäht der Fremde eine öffentliche Bushaltestelle. Nur die Trolleybahn zuckelt mit den Touristen durch menschenleere Villenviertel. Wer sich in solch einer Lage einen Ferienwohnsitz leisten kann, braucht keinen Linienbus.

Naples , im Südwesten Floridas am Golf von Mexiko gelegen, ist eine seit den sechziger Jahren entwickelte künstliche Enklave der Reichen und der Alten. Mehr Millionäre als in jeder anderen Stadt Floridas leben hier. Naples wirkt so sauber, als würden die Straßen ständig gefegt und geschrubbt. Die Rasenflächen sind so akkurat gestutzt, als würde jedes Hälmchen mit der Nagelschere geschnitten, die Blumenanlagen so gepflegt, als würde jede verwelkte Blüte sofort ausgezupft. In der Marina schaukeln Yachten, als handelte es sich um eine Verkaufsschau für Hochpreisobjekte.

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Im Mai, wenn der große Ferienrush vorbei ist, erinnern nur ein paar am Straßenrand geparkte Autos daran, daß Menschen leben in den Appartementhäusern, die jetzt nur noch acht Stockwerke hoch gebaut werden dürfen, oder in den unzähligen Villen, manche kleinen Palästen gleich, die mal weiß, mal pink, mal aprikosenfarben zwischen Hibiskus und Palmen hervorlugen. Nur am Pier haben sich zur Zeit des Sonnenuntergangs ein paar Leute versammelt. Pelikane dümpeln im Wasser, Angler warten auf Beute, betagte Paare flanieren.

"Ich verfüge über achtzehn Jahre Erfahrung im Immobiliengeschäft und bin spezialisiert, europäische Kunden zu beraten" - in der Fifth Avenue reihen sich Antiquitätengeschäfte an Immobilienagenturen und Anwaltskanzleien, von denen manche in deutscher Sprache ihre Dienste anpreisen. Sie künden davon, daß die Bauphase noch nicht abgeschlossen ist. 150 000 Dollar fürs Eigentum ist noch nicht übertrieben hoch auf der nach oben offenen Skala. Für ein Häuschen werden dann schon mal 375 000 fällig in Olde Naples, wie euphemistisch ein paar Häuserblocks um die Third Street herum heißen. Ihre Restaurants und Boutiquen sind mit Palmen, Blumenrabatten und lauschigen Höfen auf mediterranes Flair getrimmt. Vielleicht ist man das dem Namen Naples = Neapel schuldig.

Im Sommer, wenn die Zweitwohnungen leer stehen und sich die Temperaturen zu Hitzegraden steigern, sinken die Preise für Hotels, Motels und Ferienwohnungen manchmal bis auf die Hälfte. Dann werden auch die green fees erschwinglich für die mehr als fünfzig Golfplätze: Naples ist die Gemeinde mit den meisten holes pro Einwohner in Florida, wenn nicht sogar auf der Welt. Das ist ein Verkaufsargument für Naples ebenso wie seine Lage zwischen den weißen Stränden des Golfs von Mexiko - und den Everglades.