Der erste Ökologe Ein Porträt des Tierforschers Bernhard Grzimek

Wie ein Zoodirektor das Naturbild der Nation prägte und zum Vorreiter der Ökologiebewegung wurde

Viele Kinder der fünfziger und sechziger Jahre werden ihn nie vergessen. Für sie war er die große Chance, gelegentlich die magische 20-Uhr-Schwelle zu überschreiten. Wenn Bernhard Grzimek mit vierbeinigem Studiogast und immer gleicher Begrüßung: "Guten Abend meine lieben Freunde" auf dem Bildschirm erschien, machten Eltern eine Ausnahme: Der fernsehsüchtige Nachwuchs durfte aufbleiben.

Vor zehn Jahren, am 13. März 1987, starb Bernhard Grzimek 78jährig beim Besuch einer Zirkusvorstellung. Er wurde wunschgemäß am Rande des Ngorongoro-Kraters begraben, in einem der schönsten Tierparadiese Tansanias, neben seinem ältesten Sohn Michael, der 1959 dort bei Dreharbeiten zu "Serengeti darf nicht sterben" mit dem Flugzeug verunglückt war.

Grzimek drehte die große Dokumentation über die Wanderung der Steppentiere damals dennoch zu Ende und schuf damit einen Klassiker des Naturkinos. Als erster deutscher Film erhielt "Serengeti darf nicht sterben" einen Oscar und stach in der Endausscheidung sogar Disneys "Die Wüste lebt" aus. Neben seiner filmischen Tätigkeit war Grzimek Direktor des Frankfurter Zoos, Verhaltensforscher, Chefredakteur der Zeitschrift Das Tier, erfolgreicher Buchautor und Herausgeber einer zoologischen Enzyklopädie, die Brehms Tierleben als Standardwerk ablöste. Den meisten Deutschen ist der gebürtige Schlesier jedoch durch seine Fernsehsendungen in Erinnerung. Die 175 Folgen von "Ein Platz für Tiere" erreichten oft Einschaltquoten von siebzig Prozent. Das Konzept dieses Dauerbrenners hatten die Programm-Macher des Hessischen Rundfunks dem US-Fernsehen abgeguckt, wo der Chicagoer Zoodirektor Marlin Perkings Wildnisabenteuer präsentierte. "Ein Platz für Tiere" wurde die erfolgreichste Dokumentarserie der Welt. Keine Natursendung danach erreichte den institutionellen Charakter von Grzimeks Auftritten.

Der unverdächtige Zoologe durfte sogar gegen die Sitten der prüden Adenauerzeit verstoßen. Er zeigte gelegentlich Nackte. Da es, wie es damals hieß, "Neger" oder "Wilde" waren, erachteten selbst katholische Filmzensoren dies für unverfänglich. Die Bundesprüfstelle ließ bei "Serengeti darf nicht sterben" eine Szene mit planschenden, nackten Afrikanerinnen durchgehen, wollte jedoch zwei Sätze aus dem Kommentar streichen: Der eine erklärte wilde Tiere zum Kulturgut, ebenbürtig dem Petersdom in Rom. Im anderen behauptete Grzimek, Löwen seien vernünftiger als Menschen, da sie sich nicht gegenseitig töteten. Das roch im Kalten Krieg nach Pazifismus. Wie man heute weiß, irrte Grzimek. Auch Löwen bringen gelegentlich Artgenossen um.

Die Kinder des Wirtschaftswunders verdanken "Ein Platz für Tiere" weit mehr als Erinnerungen an Nackttänze im Urwald und eine wunderbare Loriot-Parodie ("Die Steinlaus"). Teile dieser Generation wurden von dem scheinbar betulichen Fernseh-Onkel mit einem neuen Denken infiziert. Grzimeks Botschaft, daß die Natur nicht ausgebeutet und zerstört werden darf, war damals keinesfalls selbstverständlich. Die Jugend der fünfziger Jahre, besonders die männliche, war von Autos, Flugzeugen und dem Sputnik begeistert. Naturliebe galt als Marotte grauhaariger Wandervögel. Kaum einer kümmerte sich um bedrohte Tiere. Im Gegenteil: Wilde Tiere galten als Bedrohung. Als Grzimek loslegte, waren Begriffe wie "Ökologie" oder "Umweltschutz" noch unbekannt und die Farbe Grün nicht politisch besetzt. "Das Abholzen der Regenwälder", schrieb er bereits damals, "die Verschmutzung der Weltmeere, insgesamt die Zerstörung der natürlichen Lebensräume für Tiere und Pflanzen, sind eine Form des Krieges der Menschen gegen sich selbst."

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