Der Demokratiepreis, den das erste Mal Bärbel Bohley und Wolfgang Ullmann für die Bürgerrechtler der DDR entgegengenommen haben, geht an den diesjährigen Preisträger mit der folgenden Begründung: Daniel Goldhagen habe "aufgrund der Eindringlichkeit und der moralischen Kraft seiner Darstellung dem öffentlichen Bewußtsein in der Bundesrepublik wesentliche Impulse gegeben"; er habe "die Sensibilität für Hintergründe und Grenzen einer deutschen ,Normalisierung'" geschärft. Die Bezugnahme auf die rhetorische Wirkung des Buches und auf die Streitfrage der Normalisierung, die sich im Übergang zur Berliner Republik erneut stellt, läßt erkennen, was das Kuratorium der Blätter für deutsche und internationale Politik mit dieser Preisverleihung im Sinn hat - und was nicht. Es kann und will nicht in eine wissenschaftliche Kontroverse eingreifen. Auch in Deutschland haben sich bedeutende Historiker, oft mit der Energie eines ganzen akademischen Lebens, um die Erforschung der Nazizeit und um die politische Aufklärung der Bürger über die komplexe Vorgeschichte des Holocaust große Verdienste erworben. Stellvertretend nenne ich nur Martin Broszat, Hans Mommsen und Eberhard Jäckel sowie unter den Jüngeren Ulrich Herbert, Dietrich Pohl und Thomas Sandkühler. Die Frage ist nicht, wer von den Zeithistorikern die Aufmerksamkeit einer breiten Leserschaft verdient hätte, sondern wie die ungewöhnliche Aufmerksamkeit interessierter Bürger zu bewerten ist, die das Buch von Daniel Goldhagen tatsächlich gefunden hat. Der performative Sinn der Preisverleihung besagt, daß die öffentliche Resonanz, die Buch und Autor in der Bundesrepublik gefunden haben, ebenso verdient wie begrüßenswert ist.

Diese Aussage stößt auf vehementen Widerspruch. Das Buch, so heißt es, befriedige mit einer globalen und einebnenden Darstellung eines komplexen Geschehens das Bedürfnis des Massenpublikums nach vereinfachenden Erklärungen. Mit Stilmitteln einer Ästhetik der Grausamkeit erziele es emotionale Wirkungen, mit obszönen Schilderungen verdunkele es das Urteilsvermögen. Andere Vorwürfe beziehen sich weniger auf den Text als vielmehr auf die Motive der Käufer und Leser. Hier begegnen wir den bekannten Stereotypen von "Gutmenschentum", "negativem Nationalismus" und "Auszug aus der Geschichte". Die Nachkommen der Täter verschafften sich durch die nachträgliche Identifikation mit den Opfern eine kostenlos-selbstgerechte Genugtuung. Sie ergriffen wieder einmal die Gelegenheit, die Loyalität zu eigenen Überlieferungen aufzukündigen und ins schimärisch Postnationale zu flüchten. Ich muß gestehen, daß ich diese aufgeregten Reaktionen nicht verstehe. Sie versuchen, ein Phänomen zu klären, das keiner Erklärung bedarf.

Eine breite Resonanz auf ein solches Buch war trivialerweise zu erwarten. Man muß sich nur klarmachen, wie beides ineinandergreift: Goldhagens analytische Fallstudien zur Judenvernichtung und die Erwartungshaltung eines Publikums, das an der Aufklärung dieses kriminellen Kapitels seiner Geschichte interessiert ist. Goldhagens Untersuchungen sind genau auf die Fragen zugeschnitten, die unsere privaten wie öffentlichen Diskussionen seit einem halben Jahrhundert polarisieren. Seit den Anfängen der Bundesrepublik besteht ein Gegensatz zwischen denen, die den Zivilisationsbruch lieber wie ein Naturereignis aus den Umständen erklären, und denen, die ihn eher verantwortlich handelnden Personen zuschreiben, und zwar nicht nur Hitler und seiner engsten Clique. Heute begegnen sich beide Parteien mit wechselseitigen Motivunterstellungen: Der Diagnose der Verleugnung steht der Vorwurf selbstgerechter Moralisierung gegenüber. Dieser heillose Streit verdeckt die zugrundeliegende Frage: Was bedeutet überhaupt eine retrospektive Zurechnung von Verbrechen, die wir heute zum Zwecke einer ethisch-politischen Selbstverständigung unter Bürgern vornehmen? Goldhagen gibt einen weiteren Impuls zum Nachdenken über den richtigen öffentlichen Gebrauch der Historie.

In Diskursen der Selbstverständigung, die durch Filme, Fernsehserien und Ausstellungen ebenso wie durch historische Darstellungen oder "Affären" angeregt werden, streiten wir uns nicht über kurzfristige Ziele und Politiken, sondern über Formen des erwünschten politischen Zusammenlebens, auch über die Werte, die im politischen Gemeinwesen Vorrang haben sollen. Gleichzeitig geht es darum, in welchen Hinsichten wir uns als Bürger dieser Republik gegenseitig achten können und als wer wir von anderen anerkannt werden möchten. Dafür bildet die nationale Geschichte einen wichtigen Hintergrund. Nationale Überlieferungen und Mentalitäten, die Teil unserer Person geworden sind, reichen nämlich weit hinter die Anfänge dieser Republik zurück. Diese Verbindung aus politischem Selbstverständnis und historischem Bewußtsein bestimmt auch die Perspektive, aus der Goldhagens Buch für uns relevant wird. Weil aus der Mitte unseres Lebenszusammenhanges jenes singuläre Verbrechen hervorgegangen ist, an dem sich erst der Begriff eines "Verbrechens gegen die Menschheit" hat bilden können, stellen sich für die Nachgeborenen, die sich über ihre politische Existenz in diesem Lande klarwerden wollen, wie von selbst die folgenden Fragen: Kann politische Massenkriminalität überhaupt einzelnen Personen oder Personengruppen zur Last gelegt werden? Wer waren gegebenenfalls die verantwortlich Handelnden, und was waren ihre Gründe? Waren normative Rechtfertigungsgründe, soweit sie den Ausschlag gegeben haben sollten, in Kultur und Denkweise verankert?

Es muß unser Selbstverständnis affizieren, wenn Goldhagen einem repräsentativen Kreis von irgendwie doch überzeugten Tätern eine subjektive Rechtfertigung zuschreibt, die ein integraler Bestandteil damals herrschender Grundüberzeugungen gewesen ist: "Die Juden repräsentieren eine Art Riß im deutschen kulturellen Gewebe . . ., einen Riß, an dem alle kulturellen Tabus zerbrachen, wenn die Deutschen sich über die Juden erregten." Vorausgesetzt, daß die jeweils lebenden Generationen in der Art ihres Denkens und Empfindens, in der Gestik des Ausdrucks und in der Weise ihrer Wahrnehmung über ein Gespinst kultureller Fäden mit Lebensform und Denkweise vergangener Generationen verknüpft sind, muß eine solche Behauptung, wenn und soweit sie zutrifft, den naiven Vertrauensvorschuß gegenüber eigenen Traditionen erschüttern. Diese kritische Einstellung gegenüber Eigenem ist es, was Goldhagens Studie fördert - und was die Besorgnis mancher Konservativer auf den Plan ruft.

In diesen Kreisen glaubt man, daß nur fraglose Traditionen und starke Werte ein Volk "zukunftsfähig" machen. Deshalb gerät jeder skeptisch sondierende Rückblick in den Verdacht hemmungsloser Moralisierung. Seit 1989 festigt sich im vereinigten Deutschland eine neue Sorte von vaterländischem Geist, dem die Lernprozesse der letzten Jahrzehnte schon "zu weit" gehen. Am 19. Juni 1948 notierte Carl Schmitt, daß ein "Bußprediger" wie Carl Jaspers kein Interesse verdiene. Das jämmerliche Verdrängungsvokabular jenes unsäglichen "Glossariums", das sich bei jedem selbstkritischen Wort gegen "falsche Bußwilligkeit" aufbäumt, ist später in Weikersheim wieder aufbereitet worden und wirkt heute, im Sog des erfolgreichen Ablenkungsmanövers gegen Political Correctness, weit über den Kreis der Unbelehrbaren hinaus. Auch Andersgesinnte scheinen zu fürchten, daß Goldhagens Studie eine fragwürdige moralische Abrechnung mit den "unwissenden" Zeitgenossen des Holocaust schürt. Gerade an dieser Untersuchung läßt sich jedoch zeigen, daß historische Fragen der subjektiven Zurechnung im aktuellen Zusammenhang einer ethisch-politischen Selbstverständigung einen ganz anderen Stellenwert haben. Ich werde zunächst daran erinnern, wie ein legitimer öffentlicher Gebrauch der Historie überhaupt möglich ist, um dann zu erklären, warum sich Goldhagens Fallstudien für eine von moralistischen Mißverständnissen freie ethisch-politische Selbstverständigung eignen.