Jürgen Habermas: Warum ein "Demokratiepreis" für Daniel J. Goldhagen? Eine LaudatioSeite 4/4
Aber in diesen Dingen steht mir ein fachliches Urteil nicht zu. Was wir aus dem heutigen Anlaß zu beurteilen haben, sind Verdienste, die sich ein amerikanischer, ein jüdischer Historiker um den richtigen Umgang der Deutschen mit einem kriminellen Abschnitt ihrer Geschichte erworben hat. Ich will zum Schluß eine Überlegung aufgreifen, die ein juristischer Kollege, Klaus Günther, allgemein zum öffentlichen Umgang mit der Geschichte politischer Kriminalität angestellt hat. Offenbar hängt es nicht nur von den Tatsachen, sondern auch von unserem Blick auf die Tatsachen ab, wie wir Fragen der Zurechnung entscheiden. Welche Anteile wir im historischen Rückblick den Personen, welche den Umständen zuschreiben, wo wir die Grenze zwischen Freiheit und Zwang, Schuld und Entschuldigung ziehen, hängt auch von einem Vorverständnis ab, mit dem wir an das Geschehen herantreten. Die hermeneutische Bereitschaft, den wahren Umfang von Verantwortung und Mitwissen anzuerkennen, variiert mit unserem Verständnis von Freiheit - wie wir uns als verantwortliche Personen einschätzen und wieviel wir uns selbst als politisch Handelnden zumuten. Mit Fragen der ethisch-politischen Selbstverständigung steht dieses Vorverständnis selbst zur Diskussion. Wie wir Schuld und Unschuld im historischen Rückblick verteilt sehen, spiegelt auch die Normen, nach denen wir uns gegenseitig als Bürger dieser Republik zu achten willens sind. An diesem Diskurs nehmen übrigens die Historiker nicht mehr als Experten, sondern wie wir anderen in der Rolle von Intellektuellen teil.
Hier sehe ich Goldhagens eigentliches Verdienst. Er richtet den Blick nicht auf unterstellte anthropologische Universalien, nicht auf Gesetzmäßigkeiten, denen präsumtiv alle Menschen unterworfen sind. Die mögen, wie die vergleichende Genozidforschung behauptet, auch einen Teil des Unsäglichen erklären. Goldhagens Erklärung bezieht sich jedoch auf spezifische Überlieferungen und Mentalitäten, auf Denk- und Wahrnehmungsweisen eines bestimmten kulturellen Kontextes. Sie bezieht sich nicht auf ein Unveränderliches, in das wir uns zu schicken haben, sondern auf Faktoren, die durch einen Bewußtseinswandel verändert werden können - und die sich inzwischen auch durch politische Aufklärung verändert haben. Der anthropologische Pessimismus, der hierzulande mit einem fatalistischen Historismus im Bunde steht, ist eher Teil des Problems, dessen Lösung er zu liefern vorgibt. Daniel Goldhagen gebührt Dank dafür, daß er uns in einem anderen Blick auf die Vergangenheit bestärkt hat.
- Datum 14.03.1997 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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