Komisch sei das, sagt Marion von Haaren, Hierarch zu sein. Eben noch war sie Reporterin im ARD-Studio Bonn. Seit Mitte Februar ist sie Fernseh-Chefredakteurin des Westdeutschen Rundfunks (WDR) . Als die Entscheidung für sie fiel, war sie "total überrascht". Jetzt muß sie sich erst gewöhnen an die neue Rolle, auf der anderen Seite des Mikrophons zu sitzen, nicht Reporterin, sondern Objekt der Reportage, nicht Fragerin, sondern Befragte zu sein.

Als Chefredakteurin regiert die 39jährige Wirtschaftsjournalistin den Programmteil, den der WDR in die ARD einbringt: Innenpolitik, Außenpolitik, Aktuelles. Ingesamt dreizehn Sendungen, darunter "Monitor", "Privatfernsehen", "Presse-Club" , "Bericht aus Bonn", "Weltspiegel", "Plusminus" . Dazu kommen aktuelle Brennpunktsendungen, Sondersendungen und Wahlberichterstattung. Neben Luc Jochimsen (HR) und Elke Herrmann (SR) ist sie die dritte Frau, die in der ARD eine solche Position hält. Marion von Haaren ist mit öffentlichen Auftritten vertraut. Diskussionsrunden, Sondersendungen, Kommentare in den "Tagesthemen" - in den vergangenen Monaten war sie oft auf dem Bildschirm zu sehen.

Ihr Interesse gilt vor allem der Wirtschafts- und Finanzpolitik, der Tarif- und Sozialpolitik, dem Welthandel und der europäischen Währungspolitik. Mit diesen Themen saß sie in den zurückliegenden eineinhalb Jahren im Bonner ARD-Studio auch im Zentrum der politischen Diskussionen. Pflegeversicherung im vergangenen Jahr, Steuerund Rentenreform in diesem. Keine schlechte Basis offenbar, sich für Höheres zu empfehlen.

Stationen einer öffentlich-rechtlichen Karriere im Eilschritt. Ausbildung an der Kölner Journalistenschule, dann Studium der Volkswirtschaft. 1984 startet sie beim Kabelpilotprojekt in Dortmund, wechselt dann zum Hörfunk, dort vom Verkehrsfunk zur Wirtschaft, dann weiter als Redakteurin in die Wirtschaftsredaktion des WDR-Fernsehens. Sie moderiert viel, unter anderem das Verbrauchermagazin "markt" und die Wirtschaftsmagazine "plus 3" und "WAS", seit 1995 auch "Plusminus" in der ARD.

"Ich moderiere gern", sagt sie entschieden und weiß, daß sie dazu in nächster Zeit weniger Gelegenheit haben dürfte. Sie hat Spaß am Journalismus, mag das aktuelle Tagesgeschäft und arbeitet gern als Reporterin. Sie kommentiert auch gern. 1991 war sie als eine der Jüngsten in die Phalanx der Chefs eingebrochen, die die "Tagesthemen"-Kommentare untereinander aufteilten. Jetzt will sie sich dafür stark machen, daß mehr Fachjournalisten an die TV-Kommentare randürfen, denn "die Inhalte werden heute immer differenzierter".

Differenziert, komplex und Team: Marion von Haaren benutzt diese Vokabeln häufig. Über ihre Pläne äußert sie sich vorsichtig. Gelegentlich schiebt sie die Formulierung: "Gute Frage" dazwischen, um Raum für die Antwort zu schaffen. Wo wird sie Schwerpunkte setzen? Sie spricht von einer "Zeit des Umbruchs", nennt als zentrale Themen den Umbau des Sozialstaats, die Europapolitik, neue Technik. "Was derzeit in der Innenpolitik geschieht, müßte viel stärker diskutiert werden. Dazu müssen wir als Sendeanstalt einen eigenen Beitrag leisten."