Rote Geranien schmücken das weißgetünchte Kölner Geißbockheim. Das Clubhaus des 1. FC Köln läßt Schrebergärtnerherzen höher schlagen. Einige Dutzend Ford-Karossen stehen auf dem besenreinen Vereinsparkplatz. Kinder, Omas und Männer im erwerbsfähigen Alter warten vor der Kabinentür und hoffen auf ein Autogramm.

Da kommen die Profis. Stollen klicken auf dem Plattenweg, die gesenkten Blicke sind der Bedeutungsschwere des fünften Tabellenplatzes angemessen. Nur einer betritt singend den Platz - "Aber der Wagen, der rollt", flötet es ihm über die Lippen. Toni Polster, der Österreicher im Team. Während die sogenannten Mannschaftsdienlichen in ihren schwarzen Sportjacken in Formation auf und ab laufen und synchron ihre Bänder dehnen, hopst sich in der Platzmitte der Polster Toni alleine in Form. Alle fünf Meter läßt er seine 86 Kilo in die Kniebeuge plumpsen, daß man es fast knirschen hört. Während andere skeptisch ihre Adduktoren massieren, reißt Polster links, rechts die gestreckten Beine in Ohrhöhe.

"Laufen wollen s' net, Disziplin haben s' net. Die meisten san schlamperte Genies", soll der verstorbene österreichische Trainer Ernst Happel einmal über seine kickenden Landsleute gesagt haben. Graue Strähnen durchziehen Polsters Haare, sie lassen den 33jährigen reif aussehen. Ein Kruzifix baumelt vor dem Trikot. "Oberkörper Vorneige, anfersen, ganze Drehung zu mir, hopp", ruft Trainer Peter Neururer. "Scheiße", murmelt Toni Polster, als er, 1,88 Meter groß, vom sechsten Sprint zurückkommt.

"Willy, gut probiert, war Pech", entfährt es ihm eine Viertelstunde später leicht hämisch, als einem Mitspieler beim Klein-Klein-Gekicke der Ball verspringt. Als er selbst beim Kurzpaß viel zu fest draufdonnert, deklariert er den Querschläger um: "War a Torübung." Innenrist, Außenrist, Vollspann - das ist der FC Standard. Polster dagegen spielt Hacke, Sohle, Spitze. Er lupft und tupft und tippt den Ball. Und er steht und ruft. Und singt. Die anderen läßt er rennen. Auch im Spiel.

In der Kölner Kämpfertruppe, die sich mit Flachpaßfußball in dieser Saison überraschend gut schlägt, ist Polster der Star. Einer, bei dem man noch weiß, warum der Spieler Spieler heißt. Er ist derjenige, dem die Fans nicht übelnehmen, daß er in der letzten Spielminute beim Stand von 4 : 1 noch eine Verwarnung wegen Ballwegschlagens kassiert. Dabei sind es nicht nur seine hüftsteif reingestocherten Tore, die ihn in Köln so beliebt machen. Es ist auch sein Schmäh, der in der Südkurve offenbar ankommt.

Dort nennt man ihn Golster oder Toni Doppelpack, weil er den Torhütern nicht selten zwei ins Netz legt. "Wenn man als Torjäger so einen Namen kriegt, erfüllt einen das mit Stolz", sagt Toni. Gegen Werder Bremen wäre ihm sogar fast sein erster Hattrick beim FC gelungen. Den Doppelpack hatte er schon, da kam der Ball von rechts, und Oliver Reck irrte irgendwo im Strafraum umher. Ein Kinderspiel, Polster mußte nur noch einschieben. Wäre er nicht von Mitspieler Munteanu überholt worden, der ihm den Ball vom Fuß nahm und jubelnd vollendete. "Wenn das der Kleine noch mal macht, hau ich ihm auf die Achillessehne", sagte Polster im Scherz hinterher.