Joseph Roth, der aus Galizien stammende Autor des "Radetzkymarsches" und der "Kapuzinergruft", wird gemeinhin mit Wien oder mit Paris in Verbindung gebracht, wo er im Exil lebte. Dabei hat sich ein wesentlicher Teil von Roths Literatenlaufbahn in den zwanziger Jahren in dem von ihm wenig geliebten Berlin abgespielt, just als es sich anschickte, eine Weltstadt zu werden.

In zahlreichen Feuilletons hat Roth den Prozeß der Modernisierung mitsamt seinen gesellschaftlichen Verwerfungen, aber auch dessen städtebauliche Inszenierungen begleitet und kommentiert. Und dies auf so eindringliche Weise, daß der Leser seiner Reportagen noch heute unwillkürlich meint, man könne aus den Texten längst verhallte Stimmen oder Geräusche heraushören: das Ächzen der Obdachlosen auf ihren "Büßerbetten aus Drahtnetz" im Asyl in der Fröbelstraße etwa oder das Kreischen einer Elektrischen in der Kurve, wenn sie beängstigend nahe an Vorstadthauswänden vorbeirattert.

Joseph Roth ist einer der genauesten Beobachter Berlins gewesen, ein begnadeter Spaziergänger und Physiognomiker der Stadt, dazu ein Sprachartist von Rang. Seine Feuilletons sind Glanzstücke der kleinen Form, die dem Anspruch auf Dauer oft genug gerecht werden. "Auf einer halben Seite gültige Dinge sagen", so hat er einmal die Aufgabe des Feuilletons bestimmt. In dem Herausgeber Michael Bienert, seines Zeichens Stadtführer und Publizist in Berlin, hat Roth einen Geistesverwandten gefunden, einen klugen Beobachter des vereinigten Spree-Athens, das sich jetzt wieder als Hauptstadt aufplustert und dadurch den Erkundungen Roths überraschende Aktualität verleiht.

Der Band Joseph Roth in Berlin. Ein Lesebuch für Spaziergänger (Hrsg. von Michael Bienert Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996 281 S., 18,80 DM) ist Bienerts Einladung an die Leser, sich auf den Spuren des Literaten das Berlin der zwanziger Jahre zu erlaufen.

In über dreißig Feuilletons, von denen eines hier erstmals in Buchform erscheint, werden vielfältig gebrochene Facetten urbanen Lebens vorgestellt, werden Bürger und Bohemiens, Einheimische und Fremde in Kaschemmen, in U-Bahnhöfen und Parks belauscht.

Neben die anteilnehmende Beobachtung des jüdischen Lebens im Scheunenviertel, dem "Orient in der Hirtenstraße", tritt eine Polemik über den Zionismus, den Roth für eine überholte Form von Nationalismus hält. Ihm schwebt das Ideal einer höheren Form von Assimilation vor, wie er sie in "Die weißen Städte" beschreibt. In liebevoll gezeichneten Portraits fängt Roth die Heimstätten der Nachtschwärmer und der Gestrandeten ein, wo sich kleine Diebe und leichte Mädchen tummeln. Er berichtet vom verletzten Stolz eines russischen Revolutionsflüchtlings, von der Pogromangst der Ostjuden, die in der Stadt festsitzen und somit der größten Judenverfolgung aller Zeiten entgegensehen.

Voller Achtung für die Mühseligen und Beladenen, für die Lasten der kleinen Leute sind Roths Texte, dabei glänzend geschrieben und verhalten zugleich Roth scheint das Staunen über die Entdeckungen in den entlegensten Winkeln und Nischen der Großstadt nie verlernt zu haben. Für die falschen Sorgen der Gutbetuchten dagegen hat er nur Verachtung übrig, wie die Feuilletons zum Kurfürstendamm und zu seinen Cafés zeigen.