Eindrücke von der Cebit, wo die Handy-Moderne sich selbst feiert

Alle hören auf Düdl-dü

Der Geist der neuen Zeit wohnt in den kleinsten Kästchen. Er bringt die Menschen, die sie tragen, gerne durcheinander und schlägt als Elektrowolke schließlich allen aufs Gehirn.

Doch, es gibt noch Menschen, die zum ersten Mal zur größten Computermesse der Welt reisen. Unterwegs in einem der morgendlichen Sonderzüge zur Cebit, vermeint so ein Novize, in der Kiefernsteppe rund um Hannover plötzlich einen nackten Mann tanzen zu sehen. Was normalerweise als absurd gälte, findet hier Verständnis, und das Abteil malt sich aus, wie drei oder mehr dieser entblößten Gestalten, einander umspringend und heilige Brieftaschencomputer hochwerfend, sich da draußen auf die Messe vorbereiten.

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Die meisten Besucher finden aber direkt aufs Gelände, sogar in Anzug und Krawatte. Hunderttausende überfluten die Pisten, an deren Rand von Jahr zu Jahr mehr Expo-taugliche Hallen im Raumschiffdesign heranwachsen. 70 000 Kanäle stellt die Telekom allein in ihrem D1-Mobilnetz bereit, bedauerlicherweise versuchen sich dann 90 000 Teilnehmer einzuklinken.

Trotz alledem erweckt die Cebit 1997 einen gefaßten Eindruck wie lange nicht. Die Narrheit namens Multimedia, deren führendes Produkt trefflich Soundblaster hieß, hat sich zurückgezogen; die Messegesellschaft hat den Eintrittspreis erhöht und zur Ablenkung der Massen 1996 die zweijährliche Cebit Home geschaffen. Auch sind jetzt die Zeiten ernster. Das Internet ist zum bestimmenden Thema geworden. Erstaunlich oft tritt es bereits an, die Geschäftsverfahren umzugestalten, erstaunlich oft wird es als das universelle Kommunikationsmedium begriffen, das es ist; die Idee, das Internet sei ein Ozean der Unterhaltung, den man am besten surfend bezwinge, entpuppt sich auf der Cebit leicht als amerikanischer Traum.

Wer mit beiden Beinen auf dem Boden aufgewachsen ist und noch Ställe, Werkstätten und Fabrikhallen gerochen hat, womöglich gar unter Tage war, der wird das Treiben der Branchen dennoch mit Verwunderung sehen. Der Technik wegen, die unverfälschten Menschen kaum mehr zu vermitteln ist. Der Gase wegen, die hier Luft heißen, vor allem in der Halle 1, dem Tal des Todes, wo es, wenn einem Wärme und Gedröhn der Massen die ersten Wallungen aufsteigen lassen, zu spät sein kann.

Die Könige der Messe haben sich deshalb schon lang ihre Paläste gebaut. Der Stand der Telekom füllt beinahe eine kleinere Halle und ist ein Bau mit mindestens drei Stockwerken - ganz hinauf darf nur der Vorstand; so weiß er allein, ob oberhalb noch etwas kommt. Fluchten von Besprechungszimmern, Mobilpartnerkantinen und Servicekemenaten; hier flauscht der Teppichboden, es säuseln die Espresso-Kellner, Besinnung kehrt ein.

In solchem Ambiente trifft sich eine eigene Rasse und verhandelt. Da werden Paragraphen abgenickt, Skaleneffekte genutzt, Kooperationen eingestielt und dann Pakete festgezurrt, aber bis dahin ist das Sprechen ein schraubendes, finden Gespräche darüber statt, daß man im Gespräch bleiben werde. Die Verhandlungsrasse ist in ständiger Selbstvergewisserung verstrickt, und am Ende tritt die Ausführung der Leistung oder die Herstellung nützlicher Dinge weit zurück, weil sie mehr wie die lästige Nachgeburt kommt, nachdem das Geschäft abgeschlossen und daher erledigt und von gestern ist. Gut, daß das Vereinbaren so lang dauert; wer sollte sonst all die vereinbarte Arbeit tun?

So erfaßt dieses Treiben immer größere Teile der Gesellschaft. Als sich ein namenloses Mitglied dieser Rasse mit dem nun aufgetischten Espresso einmal entspannt zurücklehnen und über die Getriebenheit leise zu klagen anfangen will, läutet in der Ecke links hinten ein Handy, und dabei entfährt ihm sofort der Gedanke, daß alle diese Geräte sich mit einem ununterscheidbaren Düdl-dü, Düdl-dü melden - weshalb neben dem Angerufenen auch die Umstehenden immer in die Tasche greifen - und daß darin auch wieder ein Geschäft wohnte, wenn man nur herzhaft und unverzüglich in die Tonchip-Entwicklung einstiege. Der Mann muß weiter, der Espresso wird kalt.

Es wird darüber debattiert, ob wir eine Informationselite haben werden, eine Gruppe von Menschen, die mit modernsten Mitteln ein neues technokratisches Skelett für die Gesellschaft basteln und im laufenden Betrieb manchen alten Knochen gegen eines ihrer Titan-Implantate austauschen werden, notfalls ohne die Betroffenen, ohne uns alle zu fragen. Die Vorstellung ist schon deshalb nicht sehr gruselig, weil es längst passiert. Wenn der Computerhersteller Apple übers Wochenende dreißig Prozent seiner Leute die Entlassung in Aussicht stellt, erfährt man das am Freitag davor auf der Weihestunde namens "CeBIT-Pressekonferenz zur Zukunft des Unternehmens" eben gerade nicht.

Was die besser informierte Elite anlangt, so zieht sich die Branche jetzt erst einmal selbst aus dem prädigitalen Sumpf und etabliert maßgeschneiderte Nachrichtendienste und Datenbanken zunächst für die eigenen Neigungen. Wer gern auch in englisch liest und sich für Technik, Wirtschaft und Politik interessiert, kann sich aus dem Netz bereits gratis alle Informationen holen und auf Tageszeitungen verzichten.

Die fortgeschrittenen Nutzer sitzen heute schon überall in den Beratungsbüros und haben einen Heidenspaß daran, sich immer neue Stücke sogenannter Geschäftsprozesse auszusuchen, die es in einigen Monaten der Kleinarbeit zu optimieren gilt, so wie man früher vielleicht ein Flöz ausgebeutet hat; und wenn ein Stück optimiert ist, was oft genug gelingt, zieht die Beratertruppe weiter und macht sich übers nächste her. Das funktioniert, weil das eigentliche Produktivgetriebe, wo Autos zusammengebaut und Fertigsuppen in Tüten gefüllt werden, schon so geschrumpft ist, daß es nur mehr auf die Hebel rundherum ankommt, die Logistik, das Marketing, die Werbung und die Kommunikation. Internet und Handy verkürzen dabei die Wege und sind deshalb nicht eine bloße Begleiterscheinung.

Neue Zeiten - was wird mit Deutschland? hört man die Politiker fragen. Deutschland ist noch nicht verloren, veranstaltet auch nicht grundlos eine Leitmesse der internationalen Informationstechnik. Allein vom Binnenmarkt läßt sich leben, junge Leute wie Marco Börries belegen es, der in Hamburg seine Firma führt und, großgewachsen und semmelblond, sich noch abends auf den Cebit-Standfesten jene Redakteure von Computerzeitschriften vorknöpft, die es wagen, seine Produkte zu verreißen.

Star Division, so heißt die Firma, hat schon vor Jahren auf eine neue Programmiertechnik gesetzt, die es ihr nun erlaubt, mit ihrer Software auch internationale Marktbeobachter zu erstaunen. Das Geschäft in den USA ist für europäische Anbieter naturgemäß harzig, doch hier zu Hause fährt Börries reihenweise Lizenzverträge mit Großkunden ein, die seine Büroprogramme gleich für 15 000 oder 30 000 Arbeitsplätze beschaffen und dafür Produkte der US-Konkurrenz ausmustern, und er spricht gerade mit einem Interessenten, bei dem es dann um 60 000 Lizenzen ginge.

Börries bedauert bloß, seinen drei Monate alten Sohn nicht öfter sehen zu können, und das bedauert man mit ihm, aber da müßte er ja jetzt nach Hause fahren, statt weiter durch die nächtlichen Cebit-Hallen zu streifen, die nur noch vom Lärm der Party-Bands dröhnen.

Allerdings muß es nicht schaden, sich bei Torschluß nicht der Völkerwanderung weg von der Messe anzuschließen. Dieses Jahr hielt sogar ein Messe-ICE auf dem Heimweg abrupt im niedersächsischen Peine, erkennend, daß er da gar nicht hingehörte, sondern einer falsch gestellten Weiche gefolgt war. Unter den Insassen fanden sich glücklicherweise Angehörige eines Zeitungsverlages, die mit ihren Handys die Heimatredaktionen sofort über den unvorstellbaren Fehler in Kenntnis setzen konnten, den die Systeme von gestern da begangen hatten.

Das wahre Wesen der Moderne ist, daß sie selbst ihr Steckenbleiben noch produktiv verwerten kann; daß also, nachdem die drohende Natur auf das kleinste Maß gestutzt ist, auch die Webfehler der eigenen Kultur Stück für Stück ins reine kommen. Am Ende glaubt man an den Fortschritt.

 
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