Europas Wissenschaftler gründen ihre Lobby, die Euroscience

von 

Hier folgt eine Geburtsanzeige: Am 15. März wurde in Straßburg ein Kindlein namens "Euroscience" geboren. Die 192 Eltern sind hauptsächlich Wissenschaftler und sehr wenige Wissenschaftlerinnen; sie stammen aus 25 europäischen Ländern, ein gutes Drittel kommt aus Frankreich. Der Geburtsakt verlief ohne ernsthafte Komplikationen.

Die Gründer haben ein Vorbild: die American Association for the Advancement of Science (AAAS), mit 145 000 Mitgliedern die größte Wissenschaftsorganisation der Welt. Die "Triple-A-S", ZEIT-Lesern wohlbekannt, ist erstens eine Lobby der Wissenschaft, zweitens eine Plattform öffentlicher Diskussionen und drittens eine Jobbörse. Die AAAS gibt das Wissenschaftsblatt Science heraus und veranstaltet Fachkonferenzen sowie Jahrestagungen, bei denen sich Tausende einfinden, um Neues zu lernen - und es kritisch zu befragen. Jeder darf Mitglied werden.

Anzeige

So etwas gab es in Europa bisher nicht. An Wissenschaftsorganisationen ist hier zwar kein Mangel, doch sind diese entweder meritokratische Akademien, Institutionen der Wissenschaftspolitik oder Fachverbände. Euroscience hingegen soll offen sein, unabhängig von Staaten oder Unternehmen und multidisziplinär: eine Plattform für Natur- und Geisteswissenschaftler, Sozial- und Nichtwissenschaftler, etwa Lehrer oder Journalisten.

"How can scientists avoid to become Fachidioten?" fragte der Neurobiologe Claude Kordon, Spiritus rector von Euroscience, und stellte damit eines der Zentralthemen des neuen Vereins vor. Das Zitat zeigt vielleicht auch, daß die europäischen Wissenschaftler über eine Lingua franca verfügen - Englisch -, und außerdem, daß die Vielsprachigkeit eine Stärke, nicht eine Schwäche ist. Etliche Teilnehmer der Straßburger Versammlung waren aus Zentral- und Osteuropa angereist; ihr Interesse an Euroscience wird nicht uneigennützig sein, aber das macht ja nichts. Jedenfalls soll Euroscience über das institutionelle Europa hinausreichen, und auch die Russen werden mitspielen.

Das Treffen wurde dominiert von älteren Herren, viele von ihnen aus europäischen Forschungseinrichtungen. Der hohe Anteil grauer Häupter ist in der Gründungsphase vielleicht unvermeidlich. Von nun an jedoch soll Euroscience deutlich jünger und weiblicher werden, und vor allem schnell wachsen: In wenigen Wochen beginnt die Mitgliederwerbung; das Ziel sind 1000 Mitglieder bis zum 31. Dezember. Demnächst erscheint ein Bulletin; eine Homepage gibt es schon .

Und wie wäre es mit einem eigenen Journal? Heikle Frage, und durchaus strittig. Ein Journal wie das britische Nature auf die Beine zu stellen wäre ohne Verleger unmöglich. Um ihrer Unabhängigkeit willen sollte sich die kleine Euroscience indessen nicht an ein bestehendes Blatt (inklusive Verleger) hängen. Bis dieses Problem angefaßt werden kann, wären interessante Konferenzen wohl das geeignete Produkt, mit dem Euroscience Interesse wecken und Mitglieder werben kann. Dafür sollte auch die EU ein bißchen Geld herausrücken. Das Kind ist schön; jetzt schenkt ihm bitte eine Rassel.

Service