Die Wandergruppe am Gipfelkreuz des Lusen fällt auf: Da stehen zehn Menschen und fünf Hunde auf den von glazialen Kräften geformten Felsblöcken des zweithöchsten Berges im Bayerischen Wald. Der Junitag ist heiß, die Menschen schwitzen, die Hunde hecheln. Die zwei- und vierbeinigen Wanderer sind hier am - auf 1370 Meter gelegenen - Höhepunkt ihrer Tour angekommen, einer "Hundewanderung", geführt vom bekannten Verhaltensforscher Erik Zimen.

Begonnen hat sie vor sechs Tagen mit einem harmlosen Spaziergang über die sanft geschwungenen Hügel in der Landschaft zwischen Vilshofen an der Donau und den Pfarrkirchen an der Rott - auf Grillnöd in Haarbach. Dort steht das hellgestrichene Holzhaus von Mona und Erik Zimen. Der große Sonnenschirm ist aufgespannt, aus dem Kräutergärtlein weht der Duft von Thymian zur Terrasse. Auf dem langen Tisch stehen gefüllte Salatschüsseln. Einladend das Szenario, verlockend das Bild. Der beschauliche Ort ist Ausgangsund Endpunkt der Hundewanderung.

Erik Zimen, lange Mitarbeiter von Konrad Lorenz, bekannt geworden vor allem durch seine Forschungsarbeit über Wölfe in Europa von Italien bis Schweden, bietet zusammen mit seiner Frau Mona seit über einem Jahr Seminare, Praktika, Veranstaltungen und Reisen auf Grillnöd an, in erster Linie rund um das Thema Wolf und Hund sowie Hund und Mensch. Auf der Hundewanderung geht es unter anderem um das wölfische Erbe der Haushunde, um Rangordnung, Paarungsverhalten und Welpenaufzucht. Ein Ziel ist dabei, den "canis lupus forma familiaris", den Hauswolf, der mit dem Menschen zusammenlebt, besser zu verstehen. Zum Verstehen gehört das Erfahren, und das ist auf der Hundewanderung das gemeinsame Laufen und Beobachten.

Bei (fast) jedem Wetter soll gewandert werden, und so wird die "Allwetterkleidung" neben "ausreichender Kondition" in Zimens Programm unter "Voraussetzungen und Ausrüstung" aufgeführt, wie auch "ein verträglicher Hund", mit dem wichtigen ergänzenden Hinweis: "Es geht aber ebensogut auch ohne Hund."

Die Teilnehmer finden sich im Laufe des Anreisetages auf der Terrasse ein, die einen beschnuppern sich auf ihre bekannte Art, die anderen wechseln die ersten Worte miteinander: die Krankenschwester mit ihren beiden Altdeutschen Hütehunden Arashi und Inuko, das hundelose Lehrerehepaar, der Hundesportler, hier einmal ohne Hunde, das Biologenehepaar mit der schwarzweißen Pointermischlingshündin Nelli, der Gastwirt mit seinem Saarloos-Wolfhond Quick, der Comiczeichner mit seinem Labrador Bobby und die Publizistin ohne Hund. Die Individuen der verschiedenen Arten haben auf Anhieb keine Verständigungsprobleme. Und der Wetterbericht verspricht das Blaue vom Himmel. Gute Voraussetzungen für eine Woche Urlaubs- und Bildungsabenteuer, in der es über den Fluß und durch die Wälder gehen wird, über die Donau und durch den Bayerischen Wald.

Ausgangsort ist das Städtchen Ortenburg. Früh brechen wir auf, querfeldein durch Wald und Wiesen, auf Wanderwegen, an Straßen entlang, in gutem Tempo und trotz eines Umwegs durch den Vogelpark Irgenöd genau nach Zeitplan bis zur Donau. Schon bald kommt dort ein Kahn an, ein Trio von Dackeln als neugierig ausschauende Galionsfiguren an Bord, gesteuert vom Wirt des Gasthofs, der die Wanderer über Nacht beherbergen wird. Menschen und Hunde werden übergesetzt nach Geiskirchen. Rund achtzehn Kilometer Strecke liegen an diesem ersten Tag hinter uns, auch für ungeübte Großstadthunde und -menschen noch gut zu schaffen. Nach dem Essen mit Donaublick folgt in den Abendstunden der Einführungsvortrag von Erik Zimen, denn zum Verstehen gehört selbstverständlich auch die Theorie. Und dabei geht es zunächst, wie könnte es anders sein, um das Thema "Mensch und Wolf, die Geschichte einer uralten Beziehung".