Portrait der Insektenforscherin May Berenbaum

Eine Begegnung im Labor, zwischen Tabakwürmern und Baumgrillen

"Von Chicago drei Stunden nach Süden", hieß es am Telephon, "bis zur Ausfahrt Lincoln Avenue, an der fünften Ampel rechts." Der Ort nennt sich Urbana-Champaign. Zwischen Karteikästen und Papierstapeln hockt Professor May Roberta Berenbaum, Department of Entomology, University of Illinois, auf dem Fußboden und kramt nach den Vorlesungsdias. Jeans, grünes Sweatshirt, Turnschuhe von dem speziellen Grau, das weiße Turnschuhe nach langem Tragen bekommen. "Alle Insektenforscher sind schlecht angezogen und tragen dicke Brillen", behauptet sie, "jedenfalls im Fernsehen." May Berenbaum trägt eine starke Brille. Auch im Fernsehen war die 42jährige bereits. Fast berühmt; vor zwei Jahren hat man sie in die National Academy of Sciences berufen.

Eins der beiden Terrarien in ihrem Büro bewohnt ein Grashüpfer. In Zeitlupe bewegt er die Vorderbeine. Dieser Grashüpfer sieht alt aus. Wie alt können Insekten werden? Interessante Frage. Lord Avebury, Mitglied zweier Dutzend wissenschaftlicher Gesellschaften, hat dazu etwas veröffentlicht; von Dezember 1874 bis August 1888 sei es ihm gelungen, eine Königin der Ameisenart Formica fusca durchzufüttern, vierzehn Jahre lang. Wie alt sie gewesen sei, als er sie in Pflege nahm, vermochte er nicht zu sagen.

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May Berenbaum strahlt, was ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit der frühen Janis Joplin verleiht. Solche Geschichten gräbt sie gern aus. Darin liegt eine Moral. Die meisten Menschen kümmert es nicht, wie lange Insekten leben. Hauptsache kurz. Kakerlaken zum Beispiel haben keine Chance, auf die Liste der bedrohten Tierarten zu gelangen. Wer ahnt denn, daß es zwischen vier- und sechstausend verschiedene Arten Kakerlaken gibt, von denen die meisten ihr Dasein fernab jeder menschlichen Behausung fristen? Wer hat Mitleid mit denen, die ihr Leben im Dienste der Wissenschaft lassen, wobei ihnen alle erdenklichen Prozeduren zugemutet werden?

Kakerlaken sind das Letzte. Nicht mal Tierschützer stellen die Frage, ob Schaben Schmerz empfinden. Eine Übung für Physiologen besteht darin, sie in der Sezierschale mit Stecknadeln zu fixieren. Anschließend werden Kopf und Beine abgetrennt, Körperfett und Eingeweide entfernt mit Ausnahme des Herzens, das mit Salzlösung, Nikotin und anderen Substanzen stimuliert wird, bis es aufhört zu schlagen. Viel bleibt bei dieser Präparation vom Kakerlak nicht übrig. Aber das, was übrigbleibt, versucht hektisch davonzuzappeln. Der Kopf reagiert noch am nächsten Tag.

"Kakerlaken sind nicht wie wir", hat May Berenbaum daraus gelernt. Wie dann? Wollte man ihr Verhalten restlos begreifen, müßte man die Umwelt wahrnehmen, wie sie es tun. Die Welt durch Komplexaugen studieren. Das geht natürlich nicht. Aber einen Versuch ist es wert. "Insects and people" heißt der Kurs, den die Entomologin seit sechs Jahren an der Universität von Illinois gibt. Angehende Computerfachleute unterrichtet May Berenbaum, Historiker, Architekten, hin und wieder sogar jemanden, der es wirklich darauf anlegt, die Geheimnisse der Arthropoden kennenzulernen. Vier von fünf Lebewesen haben im Laufe ihres Lebens irgendwann sechs Beine. 800 000 Insektenarten sind bekannt, mindestens zwei Millionen existieren noch namenlos dahin. Wer bedauert das? Eine Handvoll Käferforscher.

Ein aufgespießter Schmetterling macht die Runde, okay. Dann kommt eine wohlgenährte türkisfarbene Larve, fingerlang, zigarrendick, Manduca sexta, der Tabakwurm. Man schüttelt sich. Der Tabakwurm wird weitergereicht, hakt sich auf Handrücken fest, hinterläßt grünen Schleim. Den Beginn einer wunderbaren Freundschaft stellt man sich irgendwie anders vor.

Fast alle Menschen leiden im Laufe ihrer Kindheit unter Enteromophobie. "He, da krabbelt was, tritt drauf!" Später kommt der Forscherdrang. Fliegenflügel auszureißen oder Ameisen mit dem Brennglas abzufackeln gilt als Ausdruck gesunder Neugier. Drei Prozent der Erwachsenen bleibt die krankhafte Abneigung. Sie wittern Ungeziefer, wo keines ist, steigern sich bis zum Dermatozoenwahn, kratzen sich blutig oder baden in Terpentin. Der Rest von uns mag einfach keine Insekten.

Zu Beginn des Kurses wird ein Fragebogen verteilt. Ekelst du dich vor Spinnen? Wie reagierst du, wenn sich jemand einen Angelhaken durch den Finger bohrt? Es gibt viele Gründe, sich zu fürchten. In der Theorie, heißt es, neigen besonders dominante Persönlichkeiten zu Insektenphobie. Alles schwer Kontrollierbare macht ihnen angst. May Berenbaum, die als Studentin mit gemischten Gefühlen ihren ersten Entomologiekurs in Yale belegte, leidet heute unter Höhenangst.

Zu Studienzwecken züchtet sie zwei Dutzend Insektenarten. Das ist nicht immer leicht. Manche von ihnen verlangen Winterruhe, andere fressen nur Wolfsmilchsamen, wieder andere bestehen auf verrottetem Eichenholz. Bloß um eines braucht man sich nicht zu kümmern: um irgendwelche Vorschriften, was das Halten von Labortieren betrifft. Allein sechs Schabenspezies wachsen völlig zwanglos unter der Obhut der Universität von Illinois heran, zum Teil in erschreckender Größe. Aus einem grauen Eimer zischelt es vernehmlich. "Diese hier", sagt May Berenbaum und greift hinein, "kommen aus Mexiko."

Je später die Zuneigung, könnte man meinen, desto größer die Leidenschaft. May Berenbaum sammelt praktisch alles. Kinderspielzeug, Comics, Musiktitel, Postkarten, Zeitungsausschnitte, Hauptsache, es dreht sich um ihre sechsbeinigen Freunde. Einmal im Jahr veranstaltet sie das größte, allerdings, soweit sie weiß, auch einzige Filmfestival der Welt, das ausschließlich Insekten gewidmet ist. Meist sind es schlechte Filme über schlechte Insekten wie "Monster aus der grünen Hölle". Seltener sind es gute Filme. So gut wie nie werden gute Filme über gute Insekten gedreht.

Soweit das Klischee. Jetzt die Fakten. Nicht jedermann ist mit der Tatsache vertraut, daß der Darmtrakt einer einzelnen Termite pro Tag zwischen 0,24 und 0,59 Mikrogramm Methan produziert. 200 Billiarden dieser unermüdlichen Holzfresser bevölkern den Erdball, und daraus kann man ableiten, daß furzende Termiten bis zu dreißig Prozent des gesamten Methangehalts der Atmosphäre erzeugen - ein beachtlicher Beitrag zum Klimageschehen. Oder nehmen wir die Fortpflanzungsrate: Ein einziges Paar Stubenfliegen könnte zwischen Mitte April und Mitte September so viele Nachkommen hervorbringen, daß die Erde unter einer fünfzehn Meter hohen Fliegenschicht begraben würde. Die Kalkulation ist nicht unumstritten. Jüngere Schätzungen ergeben eine Größenordnung von zwei Metern, verteilt über die Fläche Gesamtdeutschlands. Aber das, meint May Berenbaum zu Recht, wären immer noch eine ganze Menge Fliegen.

Womit wir wieder beim Problem sind: Was hat der Mensch davon, daß es Insekten gibt? Hilft uns die Beobachtung weiter, daß die Zahl der Zirpgeräusche der Baumgrille Oecanthus fultoni pro 15-Sekunden-Intervall, addiert zu 37, exakt der herrschenden Außentemperatur in Grad Fahrenheit entspricht? Stimmt es uns versöhnlicher, wenn wir wissen, daß die Lauerstellung der Fangschrecke Tenodera aridifolia sinensis vor vierhundert Jahren Anstoß zur Erfindung des Kampfsportes Kung-Fu gab? Überzeugt es uns, daß die Ausscheidungen der Lackschildlaus Laccifer lacca nicht nur die Schellackplatte hervorgebracht haben, sondern bis heute in Schuhcremes, Möbelpolituren oder Schokoladenglasuren verarbeitet werden, auf Bowlingbahnen Verwendung finden, sogar als Bestandteil von Insektensprays dienen?

May Berenbaum hat ihr Wissen zu einem Buch verarbeitet: "Bugs in the system" (jetzt auf deutsch "Blutsauger, Staatsgründer, Seidenfabrikanten", Spektrum Akademischer Verlag, 528 S., 58,DM). Sie wirbt darin nach Kräften. Honig, Tinte, Seide, Kakao - alles Insektenwerk. Leider, auch Malaria, Gelbfieber und Pest. Da ist man mit dem Utilitarismus schnell am Ende, und es helfen bloß noch finale Argumente: Wenn weiter nichts über Gott bekannt wäre, dann stünde immerhin fest, daß er Käfer mochte. Sonst hätte er nicht so viele geschaffen.

Ende der Spekulation. Neben ihren populären Studien widmet sich May Berenbaum auch ernsthaften Dingen. Sie leitet die Fakultät und eine Forschungsgruppe. In ihrem Labor wird zentrifugiert und pipettiert wie in tausend anderen Labors. Seit zwanzig Jahren spürt sie dem Zusammenhang zwischen dem Freßverhalten bestimmter Schmetterlinge und der Produktion pflanzlicher Abwehrstoffe nach. Die Larve des schwarzen Schwalbenschwanzes Papilio polyxenes, hat sie unter anderem herausgefunden, nagt an Doldenblütlern wie Möhre, Fenchel, Petersilie oder Dill und verdaut dabei erstaunliche Mengen giftiger Furanocumarine. Das schafft sie mit Hilfe von Cytochrom-P450-Monooxygenasen sowie einer ausgeklügelten Strategie der Anpassung. Das entsprechende Gen ist auch schon lokalisiert.

Nur: Wird uns die Raupe so sympathischer?

Das andere der beiden Terrarien in May Berenbaums Büro beherbergt zwei tote Kakerlaken. Sie sind zwischen Schokoriegeln, Zuckerwürfeln und Marshmallows verendet und zeigen ihre fetten gelben Bäuche. Ein süßer Schabentod. Bis sich nach fünf Minuten herausstellt: Sie sind nicht tot. Sie halten nur gerade Mittagsschlaf.

Vor drei Jahren war May Berenbaum Gast bei Radio Wisconsin, in der beliebten Sendung "Was wollen Sie wissen?". Auf alles Mögliche hatte sie sich vorbereitet - wie giftig sind Wespenstiche, warum gibt es Moskitos? -, aber dann verblüffte sie der Moderator mit der Fangfrage, ob Insekten einen freien Willen haben. Da mußte sie passen.

Nicht daß das zu den drängendsten Problemen gehört. Nur eine Antwort hätte man gern.

 
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