DIE ZEIT: Herr Harnoncourt, Sie haben Ihre Dirigentenlaufbahn mit Bach und Monteverdi begonnen, jetzt sind Sie bei Verdi und Bruckner angelangt. Könnten Sie sich vorstellen, Berg zu dirigieren?

NIKOLAUS HARNONCOURT: Könnte ich mir vorstellen. Der Termin steht schon fest.

Schönberg mögen Sie nicht? Schönbergs Zwölftonmusik, haben Sie einmal gesagt, sei unnatürlich.

Moment: Das Tonsystem der Zwölftonmusik, habe ich gesagt, ist unnatürlich und verrückt, ein Konstrukt, für das es eigentlich keine andere Begründung gibt als die Klaviertasten. Keines unserer Tonsysteme kann man als natürlich bezeichnen.

Aber Schönberg werfen Sie vor, sein Tonsystem sei unnatürlich!

Es ist unverständlich! Es gibt in der Natur keine Skala, die für Musik brauchbar ist. Dur oder Moll oder Kirchentonart: das ist immer irgendwie konstruiert. Wenn ich zum Beispiel den Abstand von C auf C in ausgerechnet zwölf gleiche Teile teile, dann entsteht eine Skala von zwölf sogenannten Halbtönen, was ich als eine sehr unangenehme Sache empfinde. Ich könnte das genausogut in sechzehn Teile unterteilen, damit könnte ich doch viel mehr anfangen als mit den zwölfen. Ich könnte es in 33 teilen, dann würde ich bei gewissen Harmonien vielleicht Annäherungswerte bekommen. Kurz gesagt: Die Zwölf-Halbton-Skala ist ein sehr komisches, merkwürdiges, unverständliches Konstrukt. Aber daß mit einer so perversen Skala so tolle Musik gemacht werden kann, das finde ich großartig.

Schönberg, darin ist er Ihnen sogar ähnlich, ist ein radikaler Sucher nach der Wahrheit in der Musik gewesen. Ob andere Leute das schön fanden oder nicht, war ihm ziemlich egal.