Der Historiker Götz Aly hat zwei Mützen: Er ist Wissenschaftler, und er ist Journalist zugleich. Seine Kunst besteht darin, blitzschnell die Mützen zu wechseln. Für seine Leser ist dies immer spannend, oft sogar witzig. Von professionellen Historikern dagegen verlangt diese freche Art der Selbstinszenierung eine gewisse Reaktionsschnelligkeit, Geduld und - sehr viel Selbstironie. Kein Wunder also, daß sich manche Geschichtsprofessoren mit dem Querdenker schwertun.

In mehreren Büchern hat Aly in den letzten Jahren eine Interpretation des Nationalsozialismus und des Holocaust vorgelegt, die aufhorchen ließ: Während er im Anschluß an Hans Mommsen und andere die kumulative Radikalisierung der "Judenpolitik" während der ersten Kriegsjahre herausstellte, betonte er aufgrund eigener Quellenfunde den geradezu "experimentellen" Charakter der "Endlösung". Die traditionellen Erklärungsmuster - Banalität des Bösen, fortschreitende Verrohung im Krieg und so weiter - griffen seiner Ansicht nach ebenso zu kurz wie die neuerdings wieder populären Dämonisierungen. Aly hebt demgegenüber das Ineinandergreifen von strukturellen und subjektiven Faktoren hervor, von "Sachzwängen" und Zufällen, von hemmungsloser Politik und ungehemmter Bestialität. Der alte Gegensatz von "funktionalistischer" und "intentionalistischer" Interpretation verschwindet. Dabei gehört es zu Alys besonderen Verdiensten, daß er auf breiter Quellenbasis die Rolle der intellektuellen "Vordenker der Vernichtung" herausarbeitet. Darunter sind nicht nur die Propagandisten des Antisemitismus und der Menschenverachtung zu verstehen, sondern auch die kühlen Planer und Kartographen der "Umvolkung", die die Politik des Völkermords Schritt für Schritt denkbar machten. Die SS brauchte sie "nur noch" auszuführen.

Nach seiner vor zwei Jahren erschienenen Darstellung der "Endlösung" legt Aly nun eine Aufsatzsammlung vor, die seine Thesen noch einmal veranschaulicht und ausweitet, in einem Punkt auch vertieft. Auf den ersten Blick ist das Verfahren weniger wissenschaftlich. Einige Kapitel sind aus Zeitungsartikeln entstanden. Ihre Sprache ist essayistisch, manchmal polemisch, häufig sarkastisch. Doch das Buch ist durchaus kein Pamphlet, eher eine Folge von Miniaturen, die sich trotz des unerfreulichen Themas mit einem gewissen "Vergnügen" lesen lassen. Der Bogen reicht vom Fall Mielke bis zur Kontroverse um das Holocaust-Denkmal, von skrupellosen Gehirnforschern und Wehrmedizinern bis zur Goldhagen-Debatte. Im Mittelpunkt steht ein umfangreicher und bisher unveröffentlichter Essay über die historische Schuld der deutschen Historikerzunft, mit der Aly hier besonders hart ins Gericht geht.

Ähnlich wie lange Zeit behauptet wurde, die deutsche Wehrmacht habe von nichts gewußt und allein die SS habe alle Verbrechen begangen, hat man auch bei den professionellen Historikern gern zwischen einer Handvoll Fanatikern und einer breiten Mehrheit seriöser Gelehrter unterschieden, die sich nie vollständig "gleichschalten" ließ. Neuere Forschungen haben dies als Legende erwiesen. Schon in der Weimarer Republik stellten sich viele Historiker in den Dienst einer aggressiven Außenpolitik, ließen sich ihre Forschungen diskret von der Regierung finanzieren und stellten dafür ihr Know-how zur Verfügung. Im "Dritten Reich" wurde diese Instrumentalisierung der Geschichtswissenschaft im Rahmen der sogenannten "volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" noch intensiviert. Schon vor dem Krieg diagnostizierten Ostforscher die "Übervölkerung" Polens und die Notwendigkeit seiner "Entjudung". Ab September 1939 wurde dieses Programm dann exekutiert. Auch einzelne Historiker legten dabei mit Hand an.

Dieses dunkelste Kapitel deutscher Historiographiegeschichte möchte Aly am Beispiel zweier prominenter Fachkollegen neu aufrollen: Theodor Schieder (1908-1984) und Werner Conze (1910-1986). Die Provokation liegt auf der Hand: Denn ausgerechnet diese beiden Gelehrten gehörten nach 1945 zu den Begründern einer modernen Zeit- und Sozialgeschichte, waren nacheinander Vorsitzende des deutschen Historikerverbandes und bildeten zahlreiche Schüler aus, die später selbst schulbildend wirkten. Doch Aly scheut sich nicht, am Portrait der Gründungsväter zu kratzen.

In den dreißiger Jahren zählten Schieder und Conze natürlich noch zum Nachwuchs. Beide kamen aus der Jugendbewegung, gehörten zum Umkreis des Königsberger Historikers Hans Rothfels, der ungeachtet seiner jüdischen Herkunft eine deutschnationale und völkische Geschichtsschreibung propagierte. Zeitweilig bezogen beide Stipendien der sogenannten "Publikationsstelle Dahlem", die offiziell dem Geheimen Staatsarchiv zu Berlin, de facto aber dem Auswärtigen Amt zuarbeitete. Beide waren engagierte "Ostforscher" und ließen in Publikationen und Denkschriften keinerlei Zweifel aufkommen, daß die ab 1917 in Ostmitteleuropa entstandenen Grenzen revidiert werden müßten - zugunsten eines Großdeutschen Reiches.

Was man später "Strukturgeschichte" taufte, hieß damals noch "Volksgeschichte" und zielte vor allem darauf, dem durch den Versailler Vertrag benachteiligten "Grenz- und Auslandsdeutschtum" wissenschaftliche Rückendeckung zu geben. So befaßte sich der junge Conze jahrelang mit "deutschen Sprachinseln" in Litauen und Weißrußland, wobei er nicht nur die Verdienste der deutschen Siedler herausstellte, sondern auch die Untüchtigkeit aller anderen. Dabei kam er nicht umhin, auch auf die alteingesessene jüdische Bevölkerung einzugehen.