Im neuen Werk "3001 - die letzte Odyssee" ruft Arthur C. Clarke die Helden seiner früheren Romane ins Leben zurück

Besuch beim Science-fiction-Autor in Sri Lanka

Wenn Arthur C. Clarke Voraussagen über die Zukunft macht, dann merkt die Wissenschaft auf, und seine weltweite Leserschaft glaubt ihm sowieso aufs Wort. Allzu häufig hat der Autor zahlloser Science-fiction-Romane schon recht behalten. Kein Wunder, daß sein neuestes Buch, "3001 - die letzte Odyssee", mit Spannung erwartet wurde. Clarke ist achtzig Jahre alt; um seine Gesundheit steht es nicht besonders gut. Womöglich ist der neue Roman sein letztes Werk.

Über sechzig Bücher hat der Prophet des Raumzeitalters verfaßt, mehr als ein Dutzend davon widmen sich futurologischen Sujets. Am bekanntesten wurde "2001 - Odyssee im Weltraum", für dessen Verfilmung er zusammen mit dem Regisseur Stanley Kubrick den Oscar bekam. "Star Trek", "Raumschiff Voyager" - letztlich alles Clarkes Geschöpfe.

Anzeige

Die eben erschienene, aufgemotzte Neuauflage schätzt er nicht besonders. "Die Mona Lisa läßt sich auch nicht digitalisieren", behauptet der Mann, den die Frage nach dem Schicksal der Menschheit im Zeitalter der Raumfahrt immer noch umtreibt. Auf der Erde jedenfalls werden die Menschen bald nicht mehr leben, das ist seine feste Überzeugung. Davon handelt auch sein jüngstes Buch.

Daß Clarke das Werk in der vergangenen Woche ausgerechnet in Sri Lanka vorstellte, noch dazu im ältesten Hotel Colombos, mutet anachronistisch an, hat aber seinen guten Grund. Seit dreißig Jahren lebt Clarke auf der rückständigen, vom Bürgerkrieg am Fortschritt gehinderten Insel. In seinem Haus am Barnes Place hantieren drei Sekretäre mit Fax-Geräten und Computern, und täglich surft Clarke selbst stundenlang durch das Internet.

Ende letzten Jahres wartete Clarkes Verleger gerade händeringend auf das letzte Kapitel des Buches, als in Sri Lanka zu allem Überfluß wochenlang der Strom ausfiel. Nur zu gern nahm Autor Clarke die Einladung an, in das altehrwürdige "Galle Face" umzuziehen, das sicherlich schönste Relikt von Asiens alten Kolonialhotels. Für die nächsten Wochen nistete er sich im Büro des Hotelbesitzers ein, denn das Haus verfügt über einen eigenen Generator. Eine Segnung menschlicher Zivilisation, auf die auch ein Science-fiction-Autor mitunter angewiesen sein kann, wenn er aus den Galaxien auf die Erde zurückkehrt.

Vor das "Galle Face" wurde eigens eine Rampe für Clarkes Rollstuhl gebaut, und in dem wird er nun hereingerollt in den holzgetäfelten Raum, in dem er seine Zukunftsschau auf die kommenden 1004 Jahre zu Ende gebracht hat. Eine Anekdote reiht sich an die nächste, bis er eine kleine Provokation dazwischenstreut: "Wenn Sie mir jetzt eine Frage stellen, die mir noch niemals gestellt worden ist, bekommen Sie einen Preis."

Die kleine, ihm zu Ehren zusammengetrommelte Pressekonferenz nimmt es amüsiert auf: Berühmte Leute sind eben schon alles gefragt worden. "Welche Chance geben Sie der Menschheit?" lautet der Versuch schließlich. Dafür gibt es keinen Preis, doch statt dessen gibt es immerhin eine Antwort: "51 Prozent. Sie sehen, ich bleibe ein Optimist."

Der Held von Clarkes neuem Buch heißt Frank Poole und ist Kommandant des Raumschiffs Discovery. Zum letzten Mal gesichtet wurde er, als er im Jahr 2001 in Richtung Jupiter unterwegs war. Im Jahr 3001 wird sein vollständig erhaltener Körper von der Besatzung des Raumschiffs Goliath entdeckt. Mit Hilfe von durchaus nicht innovativ anmutender Technik wird Poole wiederbelebt - der erste und letzte Vertreter der alten Spezies Mensch, der das vierte Jahrtausend erlebt. Das Zeitalter der Raketen in der Raumfahrt gehört seit Jahrhunderten der Vergangenheit an; längst ist die virtuelle Realität des 20. Jahrhunderts eine wirkliche geworden.

Auf einer zerstörten Erde leben, gefangen zwischen Eis und Feuer, bloß noch primitive Lebewesen, die Europs. Menschliche Intelligenz hat nur im Weltraum überleben können. Andere, bewohnbare Welten haben sich innerhalb des Sonnensystems aufgetan, neue Kapitel der Evolution wurden aufgeschlagen, nachdem Roboter im Jahr 2513 auf der vergifteten Erde untergegangene Kulturen ausgruben und - Zahnbürsten zutage förderten. Anglish ist inzwischen die Weltsprache, Französisch, Russisch und Mandarin existieren noch rudimentär. Theologie und Magie sind nicht mehr auseinanderzuhalten, ein Umstand, der Poole verwundert.

Die Intelligenz des Menschen ist durch sogenannte braincaps, die ihm auf den geschorenen Schädel gestülpt werden, um ein Vielfaches gesteigert worden, allerdings wird der Mensch mit diesen "Gehirnkappen" auch ferngesteuert. Braincops (Hirnpolizisten) werden sie deshalb auch genannt.

Raumfahrstühle sausen in Minuten Tausende von Kilometern hinauf auf die Türme von Star City. Von dort aus kann man die Erde betrachten, besser gesagt das, was nach der Klimakatastrophe von ihr übriggeblieben ist. Galaktische Netzwerke verzahnen die einzelnen Stationen, Botschaften werden sekundenschnell gebeamt, die universelle Sofortkommunikation ist Alltag geworden. Eine einzige Diskette speichert komprimiert das gesamte Wissen der Menschheit, auch der Gen-Code einzelner Personen läßt sich so erfassen und, bei Bedarf, reproduzieren - hello, Dolly.

Den Menschen des vierten Jahrtausends steht unbegrenzte, saubere, billige Energie zur Verfügung, nachdem es ihnen gelungen ist, die Energie des Vakuums für sich zu nutzen. Kleine Roboter, sogenannte Microten, erledigen lästige Reinigungsarbeiten; die Kinderbetreuung übernehmen wiederbelebte Tiere, Saurier beispielsweise. "Die sind besonders gute Babysitter", läßt Clarke einen seiner Space-Bewohner mitteilen. Die spannende Lektüre endet optimistisch: Dem Helden Poole gelingt es, zwischen dem, was einmal Erde war, und dem, was von der neuen Cyber-Menschheit belebt wird, eine Verbindung herzustellen.

Clarke selbst indessen fühlt sich hier unten immer noch recht wohl. "Was mir das ,Galle Face'-Hotel geboten hat, übertrifft alles, was Grannymede jemals hätte auf die Beine stellen können", findet er. Das will etwas heißen, denn Grannymede, seine Raumstation, ist kein spartanischer Ort.

 
Service