Hellerau?" Bei der Touristeninformation ist man verblüfft. "Nein, dazu haben wir kein Material." Aber hinfahren könne man. "Straßenbahnlinie 7."

Es ist die Linie 8, die nach Hellerau fährt. Durch die Dresdener Innenstadt geht es, durch die Vorstadt, durch das Gewerbegebiet, vorbei an Schrebergärten und dann scharf links durch einen Wald, hinter dem die Siedlung auftaucht. Nicht als leuchtendes Kleinod, eher als graue Maus. Links und rechts der ruckelnden Straßenbahn stehen unauffällige Häuser mit DDR-Einheitsputz. Kein Mensch ist auf der Straße. Fast kann man das Desinteresse der Touristeninformation verstehen, die Hellerau nicht im Programm hat.

Das berühmte Hellerau! Treffpunkt des intellektuellen Europas, Keimzelle der rhythmischen Gymnastik, Experimentierfeld des modernen Theaters, Produktionsort für eine neue Generation von Möbeln, Versuch eines sozialreformerischen Wohnens, "Werkstatt einer neuen Humanität", wie der französische Dichter Paul Claudel den Ort nannte. Fast neunzig Jahre ist das her.

Ein Dresdener Tischlermeister befand 1908 das 140 Hektar große Gelände zwischen den Ortschaften Klotsche und Rähnitz für geeignet, um seine neue Fabrik zu errichten. Karl Schmidt war ein erfolgreicher Unternehmer. Im rund acht Kilometer entfernten Stadtzentrum drängelten sich bereits 500 Arbeiter in seinen Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst. Beseelt vom Gedanken, zeitgerechte und werkstofftreue Möbel mit maschineller Hilfe herzustellen, fabrizierte Karl Schmidt ganze Generationen von Stühlen, Tischen, Schränken, Anrichten, ohne dabei auf Stil und Qualität zu verzichten: eine erfolgreiche Symbiose aus Industrie- und Handwerkskultur und eine Neuerung auf dem deutschen Markt. Angesehene Architekten entwarfen Muster für den "Holz-Goethe", wie Theodor Heuss ihn nannte. Das Ergebnis waren Möbel, die sich noch durchaus im Stil der Gründerzeit bewegten, im Vergleich zu den handgefertigten Einzelteilen jedoch schlichter, funktioneller und preiswerter waren, ideale Einrichtungsgegenstände für die bürgerliche Mittelschicht.

Um weiter expandieren zu können, baute Karl Schmidt 1909 eine neue Fabrik und für seine Arbeiter gleich eine Stadt dazu: Deutschlands erste Gartenstadt. Der Münchner Jugendstilarchitekt Richard Riemerschmid entwarf den Stadtplan mit den verschiedenen Vierteln und geschwungenen Straßen, die sich der welligen Landschaft anpassen. Von ihm stammen auch das Fabrikgebäude, das an eine mittelalterliche Phantasieburg erinnert, die Ladenpassage am Marktplatz sowie die ländlichen Reihenhäuser der Arbeiter. Heinrich Tessenow, Hermann Muthesius und andere Architekten entwarfen die zweistöckigen Bürgerhäuser, die Schule und das Villenviertel. Denn nicht nur Fabrikangestellte sollten hier wohnen.

Keine normale Werkssiedlung durfte Hellerau werden, sondern ein sozialreformerisches Experiment im Grünen: Eine überschaubare Stadt für Arbeiter, Bürgerliche und Unternehmer, die auf einer gemeinnützigen Gesellschaft basierte mit dem Ziel eines ganzheitlichen, naturnahen und geselligen Wohnens. Ein Kontrapunkt zu den gedrängten, ausufernden, stinkenden Großstädten mit ihren Mietskasernen. 1910 waren bereits sechzig Familien zur Miete in Hellerau, drei Jahre später war die Siedlung mit fast zweitausend Einwohnern lebensfähig.