In der Nähe des antiken Pergamon soll mit hochgiftigem Natriumcyanid Gold abgebaut werden

"Dann wird das Paradies zur Hölle"

Der Konflikt schwelt schon seit Jahren. Doch jetzt droht er zu eskalieren. Sefa Taskin, der Bürgermeister von Bergama, ruft mehrmals: "We need help!" ins Telephon und schwankt bei der Schilderung der gegenwärtigen Lage zwischen Verbitterung und Empörung. "Die Leute fühlen sich wie eine Katze, die man in die Ecke drängt", berichtet er, entsprechend unberechenbar sei die Situation. Seit Tagen habe man vier Polizeipanzer in der Stadt und eine Hundertschaft von "unusually policemen", formuliert er in Ermangelung eines treffenden englischen Begriffs. Das seien "cevik", weiß der örtliche Teppichhändler und Restaurantbesitzer Levent Tezgel in fließendem Deutsch aufzuklären, eine Polizeitruppe, die "in der Türkei normalerweise nur zur Bekämpfung von Terrororganisationen" eingesetzt wird".

Ausgelöst haben soll die massive Polizeipräsenz eine Demonstration von 2000 Frauen aus Bergama und den umliegenden Dörfern, die vor knapp zwei Wochen gegen die soeben begonnenen Sprengarbeiten auf dem Gelände der zukünftigen Goldmine Sturm liefen. Dort, in Ovacik, nahe der Bucht von Edremit, etwa zwölf Kilometer außerhalb von Bergama, will die Unternehmensgruppe Eurogold nach jahrelangen Auseinandersetzungen nun offenbar vollendete Tatsachen schaffen und beruft sich dabei auf das Plazet des türkischen Umweltministeriums. Eurogold ist im Besitz der französischen Source Compagnie Miniére und der kanadischen Inmet Mining Corporation - bis vor drei Jahren ein Tochterunternehmen der deutschen Metallgesellschaft AG.

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Auf dem nach Angaben von Sefa Taskin rundum eingezäunten Gelände soll "mit dem Bau eines Schlammauffangbeckens" bereits begonnen worden sein. Ungeachtet eines Referendums vom 12. Januar dieses Jahres, in dem sich nahezu alle Wahlberechtigten der unmittelbar betroffenen sieben Dörfer gegen den Start der Goldproduktion ausgesprochen hatten, und obschon die tatsächlich endgültige Genehmigung dafür, "beim obersten türkischen Gerichtshof in Ankara erst noch zur Entscheidung" anstehe, betont der Bürgermeister. Die Wucht der Dynamitexplosionen habe "in den nahe gelegenen Dörfern zu Schäden an den Häusern geführt", erzählt er, die Stimmung dort sei mit "panischer Angst" vergleichbar.

Geht es nach Eurogold, soll hier ab November 1997, inmitten einer Landschaft die vom Olivenanbau und vom Tourismus lebt, inmitten der antiken Stätten von Pergamon und Troja, ein neuer Goldrausch beginnen.

Auf einer Fläche von zunächst rund 40 000 Quadratmetern würden dann während der folgenden fünf bis acht Jahre jährlich etwa 110 000 Unzen Gold im Tagebau gefördert werden. Das sind gut drei Tonnen. Zur Gewinnung des Edelmetalls müßte allerdings ein riskantes chemisches Verfahren angewandt werden: das Auswaschen des begehrten Erzes mittels großer Mengen hochgiftiger Cyanidlauge. Diese Methode erlaubt es angeblich, das vorhandene Gold auch dann noch aufzuspüren und zu binden, wenn seine Konzentration bereits unter drei Gramm pro Tonne gemahlenes Gestein sinkt. Nach Expertenmeinung bedeutet dies, daß während der gesamten Betriebsphase der geplanten Mine rund 4500 Tonnen Natriumcyanid zum Einsatz kämen und ein ungefähr dreißig Fußballfelder großes offenes Rückhaltebecken zur Lagerung des cyanidhaltigen Schlammanfalls benötigt würde.

Sollte sich das Minenkonsortium damit durchsetzen, so Birsel Lemke, Managerin einer Ferienanlage im nahe gelegenen Ören, dann "wird die ,Oliven-Riviera' ihr Gesicht verlieren. Wir sind kein Platz für Goldabbau, wir sind ein Platz für Streßabbau." Die Lebensgrundlagen der Dorfbevölkerung seien Oliven, Baumwolle, Tabak, Weizen, Gemüse und kunstvoll gewebte Teppiche, erzählt Birsel Lemke, die Region sei "eine alte Kulturlandschaft" und gelte "keineswegs als arm". Agrarprodukte im Wert von immerhin zwanzig Millionen Dollar soll der Kreis Bergama (300 000 Einwohner) im vergangenen Jahr exportiert haben. "Wir sind der Treffpunkt zwischen Abendland und Morgenland", sagt Lemke, die auch im Vorstand des regionalen Touristikverbandes ist. Allerdings stehe zu befürchten, daß sich die jährlich eine Million Besucher von Bergama abwenden und die stadtnahen Strände an der türkischen Ägäis leer bleiben, falls Eurogold die Auseinandersetzungen gewinnt. Birsel Lemke: "Niemand macht Urlaub neben einer Giftmülldeponie."

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