HAMBURG. - "Als Kinder", erzählt Hans Henny Jahnn im Rückblick, "erlebten wir die anspruchslose Landschaft mit vielen ihrer Geheimnisse, mit den Wiesen, die von Knicks eingerahmt waren, strohgedeckte Katen, Katzenkopfpflaster, Tvieten, alte Linden und die Dunkelheit der Abende, an denen es in der weichen Luft Fledermäuse und Eulen gab. Später verwandelte sich diese Ländlichkeit in eine einzige große Wunde am Rande der großen Stadt. Kaum ein Fleck blieb unberührt.

Verschiebebahnhöfe, Fabriken, Pumpstationen, elektrische Leitungsdrähte, Sandgruben, Mietshäuser, Abfallhaufen, brenzliche modrige Gerüche, ein Tiergarten mit Zufahrtsstraße und Tramwagen über absterbende Viehkoppeln."

Das Haus, in dem Hans Henny Jahnn am 17. Dezember 1894 geboren wurde und in dem er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte, steht noch, und den Ort, wo er die erste Erfahrung der Geborgenheit und der Fremdheit, der Zuversicht und des Schreckens gemacht hat, diesen Ort und dieses Haus, eingegangen in die Welt seiner Literatur, gibt es noch, aber nicht mehr lange. Das Haus in Hamburg-Langenfelde, Högenstraße 65 (früher Nr. 7), das der Schiffszimmerer William Jahn erwarb und in dem die Familie mit den drei Kindern, der Tante Jette und der Kusine lebte, soll in Kürze durch einen Neubau ersetzt werden. Das Bezirksamt hat die Abrißgenehmigung schon erteilt, die Kulturbehörde sich für unzuständig erklärt und an das Denkmalschutzamt verwiesen, und dieses hat auf Jahnns Sterbehaus im Hirschpark, in Nienstedten an der Elbe, verwiesen, das bereits unter Denkmalschutz stehe, und damit genug.

Das Geburtshaus des großen Schriftstellers Hans Henny Jahnn ist, um es milde auszudrücken, keine Sehenswürdigkeit. Die Wunde am Rand der großen Stadt Hamburg - sie ist seitdem durch Ausfallstraßen, Autobahnen, Supermärkte et cetera nicht kleiner geworden. Der bizarre Wirrwarr von Alt und Neu, von Abriß und wildem Zubau läßt den Begriff Stadtplanung als Hohn erscheinen. Und die Högenstraße liegt mitten darin, und mitten in der Högenstraße, umrahmt von einem verkommenen Spielplatz und einem halbfertigen Klinkerneubau, steht auf einem verwilderten Grundstück ein Haus, das ursprünglich einmal zu den besseren Adressen des Vororts zählte, als er noch dänisch, dann preußisch war und als es ein Privileg der bürgerlichen Mittelschicht war, ihre Kinder in Hamburg zur Schule zu schicken, ins Gymnasium ans Kaiser-Friedrich-Ufer zum Beispiel, wo Hans Henny Jahnn durch sc hlechte Noten im Deutschunterricht auffiel.

Das Haus in der Högenstraße, eine flachgieblige, zweigeschossige, geräumige Villa der Zeit, bescheiden, aber gut proportioniert, wurde irgendwann mit Eternitplatten zugenagelt, aus deren Löchern die Glaswolle hervordringt, es wurde aufgeteilt in kleine Wohnungen, Stück für Stück heruntergebracht, bis es reif für den Abriß sei.

Aber noch stemmt sich das stabile Haus gegen den Verfall. Die meisten Wohnungen stehen leer, aber noch leben ein paar Studenten im Haus, die Hans Henny Jahnn entdeckt haben und die das Geburtshaus retten wollen, unterstützt bislang nur vom Museumsverein und vom Bürgerhaus-Verein des Stadtteils Stellingen/Langenfelde. Man sollte sie nicht allein lassen.

Wenn es wahr ist, daß es sich bei Hans Henny Jahnn um einen herausragenden, aber noch nicht verstandenen Schriftsteller handelt, dessen Werk, um seine Bedeutung zu entfalten, Zeit braucht, dann würde es das nächste Jahrtausend für vollkommen unbegreiflich halten, wenn die Stadt Hamburg, Ende der neunziger Jahre des Jahrhunderts, dem Abriß des Geburtshauses aus Bequemlichkeit, Ignoranz oder Kleinmut tatenlos zugesehen hätte.