Argentinien: Der Ferienort Villa Gesell verdankt seine Existenz einem beharrlichen Utopisten
Der Geist der Utopie ist in Beton gegossen: Wo die Route 11 aus dem flachen Gras der Pampa kommt und auf die Siedlung zwischen Wäldern und Dünen trifft, ragt ein Totempfahl meterhoch aus dem Sand. Die Skulptur zeigt, was der Künstler sich unter Villa Gesell einmal vorgestellt hat: Familienglück, Natur und unbegrenzte Freiheit.
Der Ort, rund 400 Kilometer südöstlich von Buenos Aires, wirkt auf den ersten Blick wie ein ganz normales Seebad, eines von vielen im Osten Argentiniens. Im Zentrum der Kleinstadt kreischen Autoscooter, flimmern Neonreklamen, aus Nachtbars wummern Techno und Disko-Beat. Zur Ausnüchterung nach durchtanzten Nächten lockt die Brandung des Südatlantiks an mehr als fünfzig Kilometer Strand. Und dennoch: Mit den Sandstraßen, die im Zickzack zwischen den Hügeln verlaufen, mit den Prachtvillen und hölzernen Chalets in den Dünen unterscheidet sich Villa Gesell von den übrigen Seebädern der Umgebung. Das nahe gelegene Mar del Plata zum Beispiel ist allzu offensichtlich am Reißbrett entstanden. Villa Gesell hingegen wirkt wie organisch gewachsen. Und das, obwohl auch dieser Ort erst in den dreißiger Jahren gegründet worden ist - von einem Deutschargentinier namens Carlos Gesell.
Historische Photos zeigen einen bärtigen Hünen, der Energie, Humor und Lebenslust ausstrahlt: Carlos Gesell, geboren 1891, war ein Sohn des Unternehmers, Erfinders der Freiwirtschaftslehre und Finanzministers der Münchner Räterepublik Silvio Gesell. Als Kind dieses berühmten Vaters war Carlos zwischen zwei Welten aufgewachsen. Die familieneigene Handelsfirma Casa Gesell, die Silvio Gesell geleitet hatte, exportierte medizinisches Gerät von Deutschland nach Argentinien. Während der Wirtschaftskrise, die Argentinien zwischen 1880 und 1890 heimsuchte, begann Silvio Gesell dort seine Theorie des Schwundgeldes zu begründen, die auf der Überlegung beruhte, daß eine Währung mit der Dauer ihres Daseins im Wert verfallen müsse, um so zum schnellen Verbrauch anzureizen.
Nach Fertigstellung seiner Theorie kehrte Silvio Gesell mit seiner Frau und den vier Kindern nach Deutschland zurück, um seine Thesen dort zu verbreiten. Von nun an reiste die Familie immer und immer wieder zwischen den Kontinenten hin und her. Südamerika und Europa, Kapitalismus und Kommune - diese Pole haben Carlos Gesell geprägt: Er war Naturfreund und Fabrikant, Idealist und Techniker, Visionär und Erfinder. Mit Villa Gesell hat er sich seinen Lebenstraum erfüllt, die Vorstellung, einen idealen Ferienort zu erschaffen. Wie dieses Utopia für Urlauber einmal aussehen sollte, ist einer Broschüre aus dem Jahr 1948 zu entnehmen: "Die Straßen, die sich in Serpentinen zwischen den Hügeln winden, sind eben und gut passierbar. Die Häuser erheben sich auf den Dünen, hoch über den Straßen; ideal zum Bauen. Große Grundstücke und breite Alleen geben allem einen Hauch von Würde."
Heute allerdings säumen auch große Hotels den Strand. Zur Hochsaison planschen mehr als 100 000 Badegäste in der Brandung. Dann verwandelt sich die Avenida 3, die Geschäftsstraße von Villa Gesell, in eine Fußgängerzone, wo sich Abertausende in der glühenden Hitze an Boutiquen und Bistros vorbeidrängen - eine einzige Sommerparty für die Jugend der besseren Kreise aus Buenos Aires.
Dabei hatte alles ganz anders angefangen. Carlos Gesell, der zusammen mit seinem Bruder erfolgreich eine Kinderwagenfabrik betreibt, erfährt 1931, daß südlich des mondänen Mar del Plata ein Stück Land günstig zu haben sei. Es handelt sich um eine schlauchförmige Fläche, die sich an zehn Kilometer Strand mit einer Breite von 1600 Metern erstreckt. Es sind Wanderdünen. Sand, nichts als fliegender Sand.
Gerade das ist es aber, was Gesell fasziniert. Bei seinem letzten Besuch in Europa hat er Ostende besucht, das belgische Seebad in den Dünen, das drüben, in der Alten Welt, gerade en vogue ist. Gut erinnert er sich auch an die Kindheit, die er mit seinem Vater Silvio in einer Schweizer Kommune verbracht hatte. Und war er selbst nicht in der Reformkolonie Eden bei Potsdam seiner Frau Marta begegnet? Wie wäre es also, sich nach diesen Vorbildern ein privates Ferienrefugium in Argentinien zu schaffen?
Don Carlos stellt sich den endlosen Strand vor, die Brecher vom Südatlantik und hoch darüber ein Häuschen und ein weiteres für die Beschäftigten seiner Firma Casa Gesell. Im Frühling 1932 bricht er zur ersten Expedition auf. Hunderte von Bäumen will er in die Dünen pflanzen. Gegen den Widerstand seines geschäftstüchtigen Bruders beginnt er auch mit dem Bau des Familienhauses, einer hölzernen Pagode, die nach ihrer Fertigstellung im Sommer einsam in den Dünen thront: Rundum gibt es nichts. Einzig das Leuchtfeuer Faro Querandi ist aus dreißig Kilometer Entfernung über Meer und Strand zu sehen.
Heute gilt der Leuchtturm als Touristenattraktion. Mit Mietpferden kann man ihn von Villa Gesell aus in einem Tagesritt erreichen. Gemächlich trotten die Pferde durch die Nachmittagshitze am Strand, und später, wenn es kühler wird, geht es im Trab durch die anbrandenden Wellen bis zum Leuchtturm, in dessen Innerem 278 Stufen zur Aussichtsplattform führen. Von dort bietet sich ein grandioser Blick über Dünenlandschaft, Meer und Pampa, denn der 56 Meter hohe Turm ist auf einem ebenso hohen Hügel postiert.
Zu Beginn der dreißiger Jahre muß er auf die Familie wie das letzte Zeichen der Zivilisation gewirkt haben. Denn der erste Aufenthalt wird zum Schock: Ein Sandsturm war über die Dünen gefegt, alles verrutscht, der Zuweg kaum passierbar, das Haus fast unter dem Sand begraben. Neben einem defekten Herd stellte ein Kalender das einzige Mobiliar dar. "Das also ist das versprochene Paradies!" soll die Ehefrau ausgerufen haben. Nichts von den Pflanzungen konnte man mehr erkennen. Die Pinien - im Sand verschwunden. Die Akazien - vom Winde verweht.
Don Carlos begreift, daß er sich intensiver mit dem Problem der Aufforstung vertraut machen muß. Die Hilfe kommt aus Deutschland in Gestalt eines Agraringenieurs, der schon an der Nordsee im Sand aufgeforstet hat. "Mit diesen Wanderdünen wird es ganz schwer werden", verkündet er nach dem ersten Besuch.
Tausende kleiner Bäume werden herangeschafft. Wieder sterben die Akazien sofort ab; nur wenige Pinien scheinen anzuwachsen. Neue Stürme bringen neue Rückschläge: Einzig Tamariskenbüsche erweisen sich als hinreichend widerstandsfähig in Sand und Salzluft. Immer mehr Geld, immer mehr Kraft versickert im Sand. Der Ingenieur, der am ständigen Scheitern beinahe verzweifelt, sieht schließlich keine Chance mehr, die Dünen zu bezwingen. Er kehrt nach Deutschland zurück.
Unterdessen verschlingt die Plantage so ungeheure Summen, daß der Konflikt zwischen Gesell und seinem Bruder immer größer wird. Auch die Ehefrau und die sechs Kinder beklagen sich darüber, daß Papa kaum Zeit mehr für sie habe. 1936 stellt die Familie dem widerspenstigen Patriarchen ein Ultimatum: Entweder muß er sein Projekt aufgeben - oder er wird sie und die Firma verlieren. Aber die Entscheidung ist schon lange gefallen: Carlos Gesell löst im Alter von 46 Jahren sämtliche Bande, läßt sich die Anteile an der Firma ausbezahlen und geht in sein Exil in den Dünen.
Während er dort schwitzt und schuftet, kommt ihm der Gedanke, wie den Wanderdünen vielleicht doch Einhalt zu gebieten sei: Vielleicht könnte es ratsam sein, zuerst Gräser anzupflanzen, um so die aufgeschüttete Erde zu binden. Voller Enthusiasmus bestellt er Strandhafer aus Deutschland. In einer Mulde legt er ein Versuchsfeld an: Es gedeiht. Er läßt mehr Samen aus Deutschland kommen, sät mehr Gräser an und kann bald zum ersten Mal erfolgreich Pinien, Eukalyptus, Ulmen und Akazien anpflanzen. Im Jahr 1937 sieht es so aus, als habe er, Carlos Gesell, die Wanderdünen bezwungen. Die Leute nennen ihn fortan den "Verrückten der Dünen", ein Spitzname, den seine Tochter Rosemarie in ihrer amüsanten Biographie später mit sanfter Ironie kolportiert.
Um der chronischen Geldknappheit zu entkommen, muß sich Don Carlos dringend nach neuen Einkünften umsehen. Eine Schweinefarm scheitert am Freiheitsdrang der Ferkel, die aus dem Gehege ausbrechen und die kostbaren Strandgräser abfressen. Den daraufhin angeschafften Ziegen munden die jungen Bäumchen am besten. Einzig Bienen verschmähen das Grün - allerdings ist mit ihnen kein Geschäft zu machen.
Im Jahr 1940 kommen einige Hochseeangler aus Buenos Aires zur Sommerfrische. Von Freunden hatten sie gehört, daß es vor den Dünen reiche Fischgründe gäbe. Die Männer sind so begeistert von dem Aufenthalt, daß sie ihren Gastgeber auf die Idee bringen, künftig mehr Touristen in seine Ödnis zu locken, Touristen, die auf der Suche nach dem anderen, dem naturnahen Urlaub sind.
Aber wie sollen diese Urlauber anreisen? Wo die Dünen beginnen, verliert sich die Fahrspur nach wenigen Metern im Sand. Gesell entwirft eine der Topographie perfekt angepaßte Route, die sich durch die Senken windet. Eine fünfzig Meter breite Straße plant er parallel zum Strand. Es ist der heutige Bulevar Silvio Gesell, wo abends die Liebespärchen bummeln. In den kleinen Restaurants gibt es heute noch europäische Spezialitäten. Tagsüber säumen Sonnenschirme wie bunte Farbtupfer den Strand. Dort wird Volleyball gespielt, gepaddelt und gesurft.
Die erste, bescheidene Pension in den Dünen tauft Don Carlos 1941 auf den Namen "Sommerschwalbe", ein poetisches Wort für die Urlauber, die für ein paar Wochen einfliegen, um dann bald wieder abzureisen. In einem Zeitungsinserat wirbt er für sein "Paradies der Einsamkeit", das er in Erinnerung an den verstorbenen Vater nun Villa Silvio Gesell nennt. Bald wird es vor allem im Kreis der Deutschstämmigen von Buenos Aires bekannt und beliebt.
Fünf Jahre später sind die Pinien schon weithin sichtbar, die Zufahrt ist befestigt, ein neues Hotel steht am Meer, eine eigene Baumschule. Sogar das Fundament für eine künftige Grundschule existiert. Und das alte Haus der Familie ist nun bereits so dicht von Bäumen umstanden, daß die Lichtzeichen des Leuchtturms es kaum noch erreichen.
Erste Grundstücke werden billig an interessierte Siedler verkauft. Bald gibt es einen Krämerladen für die achtzig Pioniere, die hier in den Dünen ein neues Leben beginnen, ein Leben, das sich aus Werten wie Natur, Einfachheit, Nachbarschaftshilfe begründet. Als dann auch noch ein Lehrer ins Dorf kommt, den Gesell aus seiner eigenen Tasche bezahlt, ist die Zukunft der kleinen Siedlung gesichert.
Ab den fünfziger Jahren verkehrt ein Omnibus von der nahe gelegenen Eisenbahnstation nach Villa Gesell, wie die Stadt jetzt abgekürzt heißt. Ansonsten ist Don Carlos seinen Idealen treu geblieben: Im Ort herrscht Rauchverbot, Alkohol ist nur an Festtagen erlaubt, das Glücksspiel verboten. Die einzige Sucht, die der Gründervater sich gestattet, ist die Arbeitswut: Von sechs Uhr früh bis tief in die Nacht gibt er alles, tut er alles für seine Stadt.
Heute noch zeigt sich, daß Villa Gesell einmal in funktionelle Zonen unterteilt worden ist: Im Barrio Norte, wo die Villen im europäischen Stil wie nostalgische Reminiszenzen wirken, gibt es kaum ein Geschäft. Noch immer sind die meisten Läden entlang der Avenida 3 angesiedelt, der von Carlos Gesell geschaffenen Einkaufsstraße. Im pittoresken Stadtteil Pinar liegen Blumengärten und Parks, Tennisplätze und Kleinkunstbühnen.
Künstler kommen seit den sechziger Jahren nach Villa Gesell. Der weltberühmte Geiger Ljerko Spiller gibt Mondscheinkonzerte im Amphitheater, wo heute während der Saison Chöre aus ganz Argentinien singen. Die Photographin Matilde Böhm, die das Entstehen das Ortes dokumentiert, eröffnet einen eigenen Laden. Und Don Carlos beginnt im Winter ein kleines Kino zu betreiben, das nur aus ihm und seinem Projektor besteht. Er will lediglich instruktive Dokumentarfilme zeigen, ein ehrgeiziges Projekt, das gegen die kommerzielle Konkurrenz natürlich nicht lange bestehen kann.
Alles in allem jedoch kann Don Carlos zufrieden sein: Die Stadt hat Charakter. Das liberale Bürgertum weiß es zu schätzen; man gibt sich weltoffen, kulturfreundlich, sportbegeistert. Carlos Gesell, der Träumer und Erfinder, sieht sein Utopia entstehen. Voller Begeisterung entwirft er eine Mole, die heute noch weit hinaus in den Atlantik ragt. Gestützt von fünfzehn Meter hohen Betonträgern, streckt sie sich auf 150 Meter Länge ins offene Meer. Dort zu sitzen kann ein Erlebnis sein: Tief unten peitscht die Gischt gegen die Pfeiler, während weit draußen die Sonne im Meer aufgeht - und die Angler bei einem starken Kaffee von ihrem letzten großen Fang schwärmen. Einmal einen Schnapperfisch zu fangen, das ist der Traum eines jeden.
Für seine Vision plündert Don Carlos immer wieder seine Privatschatulle: Fünfzig Hektar Land stiftet er für einen Golfplatz, mehr Land noch für einen Busbahnhof. Außerdem bezahlt er die moderne Baumschule, den Ausbau und Unterhalt der Straßen und die Verwaltung der Stadt. Reich wird er nicht dabei, aber zufrieden. Und sein Glück will er bestätigt wissen. "Nun, wie gefällt Ihnen meine Stadt?" fragt er jeden Besucher.
Dabei ist Utopia schon wieder im Wandel: Die Ferienhausbesitzer verlangen, daß die Zufahrt zur Stadt asphaltiert wird, sie denken an Fortschritt, Geld und noch mehr Touristen. Gegen den Widerstand des weitsichtigen Patriarchen wird die Teerstraße durch den Sand trassiert, in der Folge setzt der Massentourismus ein. Statt des Kulturbürgertums kommen nun immer mehr sonnenhungrige Großstädter. Diese neuen Urlauber begeistern sich kaum für Pinienwälder oder gar die Einsamkeit der Dünen. Was sie nach Villa Gesell führt, das ist die schnelle Verkehrsanbindung, der breite Sandstrand, die Vergnügungsmeile Avenida 3.
Carlos Gesell zieht sich aus seiner Stadt zurück. Aber immerhin: Endlich wird der Verstoßene, der "Verrückte der Dünen", auch offiziell geehrt. Drei Staatspräsidenten besuchen ihn in seinem Strandhaus, und 1971 bekommt er zu seinem achtzigsten Geburtstag, neben zahlreichen anderen Auszeichnungen, auch das deutsche Bundesverdienstkreuz verliehen als Anerkennung für die Gründung seines Badeorts.
Heute, fast zwanzig Jahre nach seinem Tod, ist das Historische Museum des Orts Don Carlos gewidmet. Es ist seine alte Pagode in den Dünen, die noch immer überraschend modern anmutet. Seit das Erbe des Patriarchen in eine staatliche Stiftung übergegangen ist, werden seine Baumschule und das Museum weitergeführt, um den Gedanken von einst zu erhalten.
Und dann gibt es auch noch jenen Zipfel Land, der besser als jedes Museum an Don Carlos erinnert: Rosemarie, seine Tochter, führt dort einen Campingplatz, weit draußen im Süden. Hier, wo die "Sommerschwalben" nur zur Hochsaison einfallen, läßt sich in den übrigen Monaten des Jahres noch einmal die Atmosphäre von damals spüren: die Stille, natürliche Poesie und Kultur des alten Villa Gesell. Ein Rest von Utopia, fernab des Rummels.
- Datum 04.04.1997 - 14:00 Uhr
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