Hitler sah in Richard Wagner "die größte Prophetengestalt, die das deutsche Volk besessen" habe. Nur ihn erkannte er als seinen Vorläufer an. Wagner war sein einziges Idol. Aus seinen Schriften zog er seine ideologischen Affekte. In seinen Bühnenwerken fand er sein Weltbild. An seiner Musik berauschte er sich. Das alles ist bekannt, Joachim Fest hat Hitlers Wagner-Bild, die Übereinstimmungen zwischen beiden in seiner Hitler-Biographie von 1973 nachgewiesen.

Joachim Köhler geht in seinem Buch "Wagners Hitler" sehr viel weiter. Zu weit: Zugespitzt und verkürzt, liefe es nach Köhler darauf hinaus, in Hitler den Wiedergänger Richard Wagners zu sehen, in diesem den Schreibtischtäter, in jenem den Vollstrecker von dessen Regieanweisungen für die Inszenierung deutscher Geschichte der Vernichtung und Selbstvernichtung bis 1945, bis hin zum Finale der "Götterdämmerung". Wagner, der Vordenker des europäischen Judenmords und der Entfachung des Weltenbrandes? Zuviel der Unehre.

Aber Köhler liefert dafür ein in sich durchaus schlüssig scheinendes Mosaik von Belegen, die bei Hitler, Wagner und deren Zeitgenossen zu finden sind. Aber dieses Bild überzeugt nur unter der Voraussetzung, daß man Wagner auf den Antisemiten und Zerstörungsfanatiker in seinen einschlägigen Äußerungen sowie deren Werkimmanenz reduziert.

So eindimensional hat ihn Hitler freilich verstanden. Daß er ihn so verstehen konnte, dafür hat auch der Wahnfried-Clan gesorgt - von Cosima bis zu Winifred Wagner, von Hans von Wolzogen bis zu Houston Stewart Chamberlain.

Köhler beschreibt noch einmal detailliert und im Zusammenhang, wie Wagners Bühnenwelt für Hitler das Abbild der Realität bedeutete: Der junge Arbeitslose in Wien träumt sich als künftigen Volkstribun Rienzi später wird er sich in der Heldenrolle des Siegfried sehen, der gegen die "Schwarzalben", sprich: die Juden, zu Felde zieht er versteht sich schließlich als Erlöser, die zentrale Figur in Wagners Werk. Wagners Schriften schließlich prägten Hitlers Weltanschauung und Leben bis hin zum praktizierten Vegetarismus (Wagner, der ihn in seinen Schriften predigte, ließ sich allerdings daheim dann und wann gern mal ein Steak schmecken).

In Hitlers, von Wahnfried konfirmierter Sicht konnte Wagner durchaus als Vordenker der Ausrottung der Juden und der Entfachung eines Weltenbrandes erscheinen. Hitler verstand sich zumal als konsequenter Verwirklicher von Wagners Regenerationsschriften, diesem wirren Abhub zeitgenössischen Blut- und Rassenwahns. Wahnfried adorierte und bekräftigte ihn darin seit den frühen zwanziger Jahren. Es gab Hitlers Wagner keineswegs nur als Mißverständnis, und besiegelt wurde dieser Hitlersche Wagner durch den exegetischen Alleinvertretungsanspruch des Bayreuther Wahnfried-Clans, der seit Wagners Tod in der Kulturpolitik des Deutschen Reichs zu einer festen und bestimmenden Größe wurde.

Es gab gewiß Wahnfrieds Hitler. Aber war dieser deckungsgleich mit Wagners Hitler?

Nach der gescheiterten Revolution von 1848 wurde der politische Emigrant Wagner 1850 mit seiner Schmähschrift "Das Judentum in der Musik" zum bekennenden Antisemiten. Wagners Antisemitismus, Unterbau der Staatsdoktrin Hitlers, ist nach 1945 gern verdrängt und verharmlost worden. Köhlers Buch ist ein wirksames Antidot gegen diese anhaltende, neuerdings, wie es scheint, wieder forcierte Verdrängung. Man darf Wagner schließlich auch nicht als Schizophrenen sehen, der im Alltag, wie es zu seiner Zeit des Landes bürgerlicher (und mit Wilhelm II. auch imperialer) Brauch war, judenfeindlich herumschwätzte und -geiferte, um sich als Genie, für sein Werk davon unberührt bleibend, ins "Sanctissimum seiner Kunst" (so unverdrossen der Germanist Dieter Borchmeyer) zurückzuziehen.

Wagner war keineswegs ein beliebiger Jogger im Rudel des Zeitgeistes, er prägte diesen nachhaltig. Posthum steigerte sich die Wirkung seiner ideologischen Deutsch- und Rassentümelei durch die Bayreuther Marketingzentrale Wahnfried für die Verbreitung der rechten Gesinnung.

Es ist aber auch manches Antisemitische aus seinem Gesamtkunstwerk zu extrapolieren, wenn man denn danach unter der Oberfläche forscht.

Es klingt plausibel, wenn Köhler schreibt, daß das innere Bayreuth derlei als klandestines Wissen einer selbsternannten, in Wagners geheime Botschaften eingeweihten Sektenpriesterschaft hütete, bis einst die Zeit der Vollendung (durch den Erlöser Hitler) gekommen sei. Ahnungsvoll erpilgerten deutsche Wagnerianer mit frommem Schauder den Hügel des Festspielhauses, den Gral des sakralisierten Werkes.

Bis ins dritte Glied hatte Wagners Musik für seine Wirkung nicht zuletzt katalysatorische Bedeutung. Köhler zitiert eine kluge Beobachtung Walther Rathenaus von 1918, der wenige Jahre später zum Mordopfer deutscher Antisemiten wurde. Rathenau sah den Einfluß Wagners auf die vorangegangene Generation weniger entscheidend in seiner Musik als in der Gebärde seiner Figuren und seiner Vorstellungen.

An dem deutschen Obskurantismus, der sich aus solchem Verständnis des Wagnerschen Werkes entfaltete, hat sich die Wagner-Rezeption außerhalb der Reichsgrenzen nicht beteiligt. Beispielhaft ist die frühe Interpretation des "Ring des Nibelungen" durch George Bernard Shaw als Musikkritiker.

Daß Richard Wagners Weltkunst zum deutschen Problem wurde und ein deutsches Syndrom geblieben ist, wird durch Joachim Köhlers Buch in aller Schärfe herausgearbeitet - trotz oder vielleicht gerade wegen seines Hangs zu Überinterpretation und arg strapaziertem Kausalnexus ("Hitlers historisch gewordener Vernichtungsfeldzug gegen die Juden war Teil seiner Wagner-Liebe: Er mußte die Juden hassen, weil er den Mann liebte, der die Juden haßte"). Daß Hitler in Auschwitz der tatkräftigere Wiedergänger des Schreibtischtäters Wagner war, ist nicht einmal als absurde Pointe im zu allem fähig scheinenden Theatrum mundi denkbar.

Richard Wagner kann man so wenig ausschließlich unter dem Tristan-Akkord und als genialen Erneuerer des Musiktheaters sehen wie vornehmlich unter dem Blickwinkel des verhängnisvollen Beiträgers zur Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts an ihrem Tiefpunkt, als der er zum Idol Hitlers wurde. Man wird Richard Wagner in seiner ganzen Bedeutung, also auch in seiner Wirkung als Hitler-Idol, heute ehrlich und ohne Verdrängung am ehesten gerecht, wenn man zum Beispiel sein Hauptwerk, die "Ring"-Tetralogie, um die auch Köhlers Buch kreist, adäquat in Szene setzt, wie das zuletzt in Brüssel/Frankfurt von Herbert Wernicke geschehen ist.

Joachim Köhler:

Wagners Hitler

Der Prophet und sein Vollstrecker Karl Blessing Verlag, München 1997 505 S., 49,80 DM