FÜRTH. - Für sich genommen war es ein ganz alltäglicher Beschluß gewesen, den der Stadtrat gefaßt hatte. Wie viele andere Kommunen auch steckt die Stadt finanziell in der Klemme (sechzehn Millionen Mark fehlen im laufenden Etat), und da hatte sich der Magistrat eben auf die Suche nach Streichungen gemacht. Soweit nichts Ungewöhnliches in der 100 000-Einwohner-Kommune, die eine gemeinsame Stadtgrenze mit Nürnberg hat, verfiel man freilich auf den Gedanken, ausgerechnet an der heikelsten Stelle zu kürzen.

25 000 Mark hatte die Stadt in den letzten Jahren bereitgestellt, um ehemaligen jüdischen Mitbürgern kostenlos einen zehntägigen Aufenthalt in ihrer früheren Heimatstadt zu finanzieren. Oberbürgermeister Uwe Lichtenberg (SPD), inzwischen abgelöst von dem Christsozialen Wilhelm Wenning, hatte diese Idee gehabt, und seitens der Stadt hatte man sich in all den Jahren rührend um die jüdischen Gäste gekümmert.

"Die Entscheidung, in die alte Heimatstadt zu fahren, ist keinem der bisher eingeladenen ehemaligen jüdischen Mitbürgern leichtgefallen", erzählt die Stadtheimatpflegerin Barbara Ohm. "Schließlich bedeutete das auch die Auseinandersetzung, neben durchaus glücklichen Kindheits- und Jugenderinnerungen, mit Ausgrenzung, Verfolgung und erzwungener Emigration."

Nahezu alle Gäste hätten die Stadt jedoch mit dem Gefühl verlassen, sich mit ihr ausgesöhnt zu haben. Und ausgerechnet dieses in jeder Hinsicht vorbildliche Besuchsprogramm wollten die Stadtväter nun kappen. Künftig, so lautet ihr wenig sensibler Vorschlag, sollte es nur noch stattfinden, wenn sich ein privater Mäzen dafür fände.

Ausgeheckt hatte den Coup ein Bündnis aus Republikanern und CSU, durchgedrückt wurde er schließlich mit der hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme. Und so ganz wohl schienen sich die Damen und Herren bei ihrem Votum nicht gefühlt zu haben: In zwei Jahren, so erklärten sie, könne man ja zu der bisherigen Regelung zurückkehren.

Das Echo, das die Entscheidung auslöste, war verheerend. "Ein Schildbürgerstreich" sei das gewesen, urteilten die Zeitungen.

Die Stadt stand am Pranger. Da half es nur wenig, daß der Oberbürgermeister, spürbar erschrocken von der Kritik, Schadensbegrenzung betrieb und die Grünen eiligst den Antrag einbrachten, den entsprechenden Betrag aus dem Topf für die Städtepartnerschaften loszueisen - das Kind lag im Brunnen. Für alle geschichtsbewußten Fürther insofern doppelt peinlich, als ihre Stadt den Juden viel verdankt. Sie waren es gewesen, die ihr im 18. Jahrhundert maßgeblich zu einer Blütezeit verholfen haben. 23 Prozent hatte ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung damals betragen, und Fürth galt weithin als Beispiel geglückter Integration.