Kurz vor seinem fünfzigsten Gründungsjubiläum steht der Staat Israel an einem Wendepunkt. Diese Wende nimmt sich radikaler und fundamentaler aus, als von außen scheinen mag. Sie bezieht sich nicht nur auf das politische Selbstverständnis, sondern auch auf den religiös-kulturellen Bereich der Gesellschaft. Davon handelt der Essay von Moshe Zimmermann, Professor für Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Der Autor spricht alle zentralen Fragen der israelischen Gesellschaft an, wie den Begriff "Judenstaat", die Rolle des Zionismus, den Friedensprozeß, Jerusalem, die jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten, die Rolle der Shoah, die Funktion des Militärs sowie die sich abzeichnenden Kulturkämpfe.

Die westlichen Kommentatoren waren nach dem Wahlsieg von Benjamin Netanjahu etwas einsilbig und hofften, daß er sich als Pragmatiker entpuppen würde. Das Wahlergebnis aber gleicht, laut Zimmermann, einem "Erdbeben" und symbolisiert zugleich das "Scheitern des klassischen Zionismus". "Die sich schon seit langem kontinuierlich abzeichnende Verdrängung des klassischen Zionismus und seiner Werte aus Politik, Gesellschaft und Kultur Israels scheint nun ihren kritischen Höhepunkt erreicht zu haben."

Daß die in Israel stattfindende Debatte gemeinhin als "postzionistische" bezeichnet wird, ist nach Zimmermann irreführend, da sie den falschen Gegenstand meint. Nach ihm verdient nicht das Infragestellen der zionistischen Mythen durch die "Neuen Historiker" die Bezeichnung Postzionismus, es sollte vielmehr die vom rechtsreligiösen Lager getragene "romantisch-ethnozentrische Version des Zionismus" mit diesem Begriff bezeichnet werden, weil sie den "authentisch-klassischen Zionismus" abgelöst habe. Dieser religiöse Charakter des Zionismus sei ein Paradoxon und stelle die historischen Verhältnisse auf den Kopf. Das Rabin-Peres-Interludium habe diesen Trend der Rejudaisierung Israels in seiner fundamentalistischen Variante nicht stoppen können.

Als zweites langfristig wirksames Ereignis für Israel bezeichnet der Autor die Ablösung des europäisch-aschkenasisch dominierten kulturellen Lebens Israels durch den orientalisch-sephardischen Einfluß. Der israelischen Gesellschaft drohe ein "Kulturkampf" im Sinne des Huntingtonschen "Zusammenpralls der Kulturen". Dieser "Kulturkampf" werde auf dem Feld der Legislative und des Erziehungssystems stattfinden.

Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend, ja aufregend, weil es die ungeschönte Zustandsbeschreibung eines Landes liefert, zu dem Deutschland aufgrund historischer Ereignisse ein besonderes Verhältnis unterhält.

Moshe Zimmermann: