Offene Räume. Brachliegende Riesenäcker ragen in den Horizont, eine Stallung ist bis aufs filigrane Gerippe verwittert, ihr geschwungenes Dach scheint zu schweben, ein Gutsschloß, von dessen Keller aus man die Wolken hoch droben wandern sieht, eine ausgeweidete Werkhalle, pathetisch gewölbt wie ein Kirchenschiff: Offene und leere Räume begegnen uns in diesen Photographien, Menschen kommen so selten vor wie die Zeugnisse sozialistischer Baukunst. "Der Impuls ging aus von westlichen Blicken auf östliche Orte und Landschaften", schreibt der (West-)Berliner Photohistoriker Diethart Kerbs, der das Projekt "Fotografie und Gedächtnis" zusammen mit der (Ost-)Berliner Kulturmanagerin Sophie Schleußner ins Leben gerufen hat.

In den vier Jahren zwischen 1993 und 1996 waren 56 Photographen aus Ost und West in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt unterwegs, sie photographierten, was aller Wahrscheinlichkeit nach wenig Bestand haben wird und auf diese Weise dem Gedächtnis späterer Generationen aufgehoben werden soll. Für die Schwarzweißphotographie hat man sich nicht zuletzt der längeren Haltbarkeit (circa 300 Jahre) wegen entschieden. Achtzehntausend Photos sind so entstanden, davon wurden dreitausend vergrößert, die anderen archiviert. Eine Ausstellung mit einigen "Glanzlichtern" wandert jetzt durch die Republik, im Altonaer Museum in Hamburg sind zur Zeit etwa 150 Aufnahmen zu betrachten.

Vieles sehe dort aus wie kurz nach dem Zusammenbruch, empfinden westliche Besucher. Die öffentlichen Bauten, die Kirchen, Fabriken, Schlösser . . . Wo es vierzig Jahre lang sowohl für die Restaurierung als auch für den Abriß an Geld mangelte - das heißt: an Interesse, daraus sind nun über Nacht mehr oder weniger interessante Immobilien geworden es fallen Entscheidungen, die nach dem Maßstab der Zeit, in der Deutschlands Westen lebte, längst überfällig sind.

Aber ums Nachholen allein kann es nicht gehen, die Zeit stand ja nicht still im Osten, es lief ein anderes Stück. Und die jetzt nur noch die Kulissen sehen, können das Stück nicht kennen. Der Baueifer im Osten ist immens, er vollzieht sich vielerorts wildwuchsartig.

Die Photos sind ja nicht nur für die ferne Zukunft, sondern schon jetzt ein Plädoyer für Mäßigung, dafür, historische Gebäude ebenso wie Bäume, Teiche, Bäche, Sölle und Senken, Hügel und Hänge nicht als störende Elemente zu empfinden, "die man nur einebnen muß, um möglichst rasch Baufreiheit zu gewinnen, sondern als Gesprächspartner älteren Rechts, denen jeder, der hinzukommt und sich niederlassen will, erst einmal zuhören muß . . ." Er plädiere, schreibt Kerbs im Vorwort zum Katalog Mecklenburg-Vorpommern, "für den Verfall, das heißt, für die Bevorzugung der weiteren Vernachlässigung vor der raschen Abräumung".

"Ruinen schaffen ohne Waffen" - so hieß das im Volksmund, was in der DDR an den ererbten Bauten verübt oder eben nicht verübt wurde. Ich vermute, daß die natürlich gealterten Kulturlandschaften von einem westlichen Betrachter als exotisch empfunden werden, so ehrlich Gealtertes gibt es in seinem Lande kaum mehr zu sehen.

Auch den Ostdeutschen wird der Lichtwechsel bemerkbar, wenn sie nun in einer Galerie befremdet auf ihre lange gewohnte Umgebung sehen. "Daß mit der Öffnung der Grenzen ein ,Land der angehaltenen Zeit` zum Vorschein kam, haben nicht nur Entdeckungsreisende von Außerhalb staunend zur Kenntnis genommen auch wir betroffenen Einwohner selbst haben es, im Lichte unserer neuen Welterfahrung, begreifen und verarbeiten müssen", schreibt Wolfgang Kil im Vorwort zu dem Katalog "Brandenburg". Die drei Kataloge (herausgegeben von Diethart Kerbs und Sophie Schleußner, mit je circa zweihundert Photos, be.bra Verlag) sind zum Preis von je 48 Mark im Buchhandel erhältlich und übrigens nicht nur von ästhetischem Wert - auch potentielle Immobilisten können hier fündig werden.