Schläue wird nicht wenigen Politikern zugeschrieben, denen es an Klugheit wie an Kenntnisreichtum fehlt. Der seltene Fall, daß sich alle diese Eigenschaften in der gekrümmten, nicht einmal herrisch auftretenden Figur eines Machtmenschen zur schillernden Persönlichkeit vereinen, hat in Italien einen seit Jahrzehnten immer wiederkehrenden Namen: Giulio Andreotti. Siebenmal war dieser Christdemokrat in Rom Regierungschef, dazwischen auch Finanz-, Außen- und (sieben Jahre lang) Verteidigungsminister, bis er im Herbst 1995 auf der Anklagebank eines Mafia-Prozesses landete, der wohl länger dauern wird, als der jetzt 78jährige überleben kann.

So jedenfalls vermutet es ein Kenner des Landes wie Hanspeter Oschwald, dem es auf eindrucksvolle Weise gelingt, mit der Lebensgeschichte Andreottis das zeitgeschichtliche, politisch-psychologische Panorama Italiens zu verbinden, in das sie verwoben ist. Der in ärmlichen Verhältnissen geborene Römer, der im Weihrauch-Dunstkreis des Vatikans aufsteigt, ohne sich davon berauschen zu lassen (er promoviert über das "Ziel der Kirchenstrafen"), hat es mit 28 Jahren schon zum Staatssekretär Alcide De Gasperis, des Chefs der ersten Nachkriegsregierungen, gebracht. Als dessen "graue Eminenz" versteht er, auch durch die Hintertür, den "Onkel Papst" zu beruhigen, der sich schon damals und später immer wieder Sorgen machen muß, weil diese Democrazia Cristiana nicht genug katholisch ist und mit den Kommunisten kungelt.

Freilich so, daß weder "linke Mitte" noch "historischer Kompromiß" Andreottis Ruf als "Garant des Westens" ernstlich beschädigen können.

Kühl und glatt, geistreich und selbstironisch - auch als eifrig schriftstellernder Zeitzeuge - baut Andreotti lebenslang ein Beziehungssystem auf, das sich, wie Oschwald zeigt, "durchweg im Rahmen römischer Bräuche bewegte". Dieser Klientelismus, dessen verbrecherische Form die Mafia ist, habe Andreotti "zum geheimnisvollsten Mann der italienischen Politik gemacht, der für nichts und alles verantwortlich gemacht werden konnte. 26mal wurde gegen ihn wegen angeblicher Verfehlungen ermittelt, nachgewiesen wurde ihm nie etwas", schreibt Oschwald. Er zweifelt zwar nicht an einer moralisch-politischen Schuld Andreottis, hält jedoch dessen Verurteilung nach rechtsstaatlichem Verfahren für "mehr als fraglich". Im Unterschied etwa zu einer Autorin, die jetzt ein dickes Buch über "Politik zwischen Geheimdienst und Mafia" vorlegt, das - offenbar, um den Namen zum Knüller-Titel zu machen - mit einem kurzen, schwachen Andreotti-Kapitel beginnt (Regine Igel: Andreotti Herbig Verlag, München 1997 378 S., 39,90 DM). Da werden Amerikaner, Vatikan, Freimaurer und Mafia gemeinsam zu Säulen des "Andreottismus", und den Mafia-Kronzeugen wird bescheinigt, daß ihre Aussagen gegen Andreotti "allen Überprüfungen standgehalten" hätten.

Aber so einfach liegen die Dinge weder bei den Mafiosi, die Andreotti bekämpft und geküßt haben soll, noch bei der komplexen Persönlichkeit dieses Politikers, der einmal das - nicht nur scherzhafte - Geständnis abgelegt hat: "Was man wirklich für geheim hält, sollte man nicht einmal sich selbst erzählen."

Hanspeter Oschwald: Giulio Andreotti - Aufstieg und Fall eines Mächtigen
Biographie Herder Verlag, Freiburg 1996
192 S., 18,80 DM