Ein ZEIT-Gespräch mit Anthony Giddens, dem neuen Direktor der London School of Economics und Berater von Tony Blair
Anthony Giddens propagiert eine radikale Reformpolitik - "jenseits von Links und Rechts"
ZEIT: Herr Giddens, die Welt wird immer unübersichtlicher. Leben wir eigentlich noch in der Postmoderne?
Anthony Giddens: Es sind gleich mehrere Aspekte dieses Begriffs, die ich nicht mag. Zunächst hat er eine lähmende Wirkung. Er suggeriert, wir seien am Ende der Politik angekommen. Ich glaube hingegen, daß politisches Handeln heute wichtiger denn je ist. Die Postmodernisten neigen dazu, die Welt als zunehmend fragmentiert zu sehen, als immer stärker individualisiert. Die Gesellschaft geht in Trümmer, alle Werte werden abhängig von Kontexten. Ich finde das keine zutreffende Beschreibung der Welt, in der wir leben. Ich sehe vielmehr einen zweizügigen Prozeß, in dem dies nur die eine Seite ist. Die Welt befindet sich mitten in einer globalen Transformation. Die Auflösung alter Strukturen ist die eine Seite. Auf der anderen Seite kann man eine weltweite politische, kulturelle und ökonomische Integration beobachten, die über die Ordnung der Nationalstaaten hinweggeht. Ich denke, wir sind heute alle Post-Postmodernisten. Die Postmoderne war eine Phase des Übergangs in den frühen bis mittleren Achtzigern.
ZEIT: Aber wie die Postmodernisten scheinen auch Sie anzunehmen, daß ein Bruch stattgefunden hat, daß etwas zu Ende geht. In Ihren neueren Studien bezeichnen Sie unsere heutige Welt als eine "zweite Moderne". Manchmal sprechen Sie auch von "reflexiver Modernisierung". Das riecht ein wenig nach einem Trick, mit dem ein abgenutzter Modernebegriff um jeden Preis gerettet werden soll.
Anthony Giddens: Nein, ich denke, man kann tatsächlich zwei Typen von Modernisierung in der heutigen Welt beobachten, und es ist wichtig, zwischen ihnen zu unterscheiden. Erstens die einfache oder klassische Modernisierung, die linear verläuft, von einer unterentwickelten Gesellschaft zu einem hohen Niveau wirtschaftlichen Wohlstands. Man weiß da relativ klar, woher man kommt und wohin man will. Diese Art von Modernisierung ist in der heutigen Welt immer noch sehr weit verbreitet. Man sieht sie etwa in den asiatischen Tiger-Ökonomien. In den älteren Industriegesellschaften kann man in den letzten zehn, zwanzig Jahren eine andere Art Modernisierung beobachten, die mit einem größeren Bewußtsein der Grenzen, Probleme, Widersprüche einhergeht.
ZEIT: Deshalb werden die Tiger-Ökonomien als Vorbilder attraktiv?
Anthony Giddens: Diejenigen, die uns jetzt die asiatischen Gesellschaften als Modell für Europa empfehlen, machen den Fehler, nicht zwischen den zwei Arten der Modernisierung zu unterscheiden. Die avancierteren asiatischen Länder wie Japan und Südkorea bekommen jetzt auch die Probleme der zweiten Moderne zu spüren, in denen Europa und die Vereinigten Staaten schon tief stecken. Die zweite Moderne hat es mit Problemen zu tun, die in der ersten Moderne verdrängt oder unterdrückt wurden und die nun zurückkehren. Dazu zählt die Umweltverschmutzung ebenso wie die drängenden Sinnfragen, mit denen die Menschen sich konfrontiert sehen.
- Datum 18.04.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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