In den Tagen vom 3. bis zum 11. Mai muß sich der Spezialrechner Deep Blue in New York zum zweiten Mal in seinem Leben der höchsten Herausforderung stellen. Er wird wie schon im vergangenen Jahr ein Turnier von sechs Spielen gegen den Weltmeister Garri Kasparow austragen.

Die erste Begegnung endete nach einem Überraschungsgewinn im ersten Spiel bitter für die Maschine und ihre Erbauer: Kasparow setzte sich mit drei Siegen und zwei Remis am Ende durch. Für das bevorstehende Ereignis versuchte das Programmiererteam, alle erkannten Schwächen des Computers zu beheben.

Am Prinzip aber ändert sich nichts, und Deep Blue verkörpert es am reinsten: Wenn er gewinnt, dann mit Hilfe primitiven, dafür aberwitzig schnellen Rechnens. Das müßte nicht so sein. Unter den Herstellern von Schachprogrammen gibt es einige, die versuchen, der Software doch so etwas wie Gefühl für die Situation auf dem Brett zu verleihen, sie mehr wie ein Mensch kalkulieren zu lassen.

Das Schachspielen begleitet den Computer fast seit seiner Erfindung. Schon Goethe sprach von dem Spiel als "Probierstein des Gehirns". Und Computerforscher wollten schon in den fünfziger Jahren mit schachspielenden Computern zeigen, daß die Maschine zumindest Teilbereiche intelligenten Verhaltens durch bloße Berechnung nachahmen kann.

Dieses bescheidene Ziel ist längst erreicht. Heute spielen PC-Programme für 200 Mark Schach so gut wie die Großmeister. Allerdings interessiert sich kaum noch ein Forscher dafür. Denn die modernen Schachprogramme arbeiten ganz anders als der Mensch, der jeweils nur eine Handvoll verheißungsvoller Varianten durchrechnet.

Programme, die es auf diese Weise versuchen, verlieren viel zu oft Partien, weil sie entscheidende Züge übersehen. Schach ist zu komplex, als daß man einfach die Stärke einer Stellung errechnen und damit präzise die besseren von den schlechteren Zügen scheiden kann. Immer wieder gibt es Züge, die zunächst die Stellung der Figuren nicht meßbar verbessern oder gar widersinnig wirken und die erst mehrere Kombinationen später ihre Stärke zeigen.