Vergewaltigung in der S-Bahn: Fürs Wegsehen gibt es viele GründeSeite 3/3

Die kulturelle Verunsicherung durch gesellschaftliche Umbrüche hat Emil Durckheim schon 1973 beschrieben: "Man weiß nicht mehr, was möglich ist und was nicht, was noch und was nicht mehr angemessen erscheint, welche Ansprüche und Erwartungen erlaubt sind und welche über das Maß hinaus gehen [. . .] Die Hierarchie ist in Unordnung geraten, andererseits kann man eine neue nicht improvisieren. Es braucht Zeit, für Menschen und Dinge nach geltenden Begriffen eine andere Rangordnung zu schaffen."

In diesem komplexen Gewebe bietet Susanne Gaschke eine einfache Theorie der individuellen Sittlichkeit an. Das routinierte Ertragen "aufdringlicher Unterhaltung, scheppernder Walkman-Musik, schlürfenden Bierkonsums und dreister Pöbeleien" lähme die Fähigkeit, bei Vorfällen einzugreifen, "bei denen es um mehr geht". Zum Beispiel um eine Vergewaltigung. Welch eine Kausalkette! Umgekehrt hieße das wohl: Wer die tradierten Formen der Höflichkeit achtet, nicht in der Nase bohrt und lärmt, wer Normverletzungen anderer ahndet, also ander' Leuts Winterschuhe von den Sitzpolstern schiebt, der wird am Ende (mit Hilfe einer sozial trainierten Gemeinschaft) Gewaltverbrechen in der S-Bahn besser verhindern können. Wozu auch immer diese Domino-Theorie taugen mag, eins ist sicher: Wer sie durchsetzt, wird sich irgendwann in einer Gesellschaft von Nachbarschafts-Sheriffs wiederfinden. In dieser Umgebung könnte sich dann Amitai Etzioni, der kommunitarische Tugendwächter, ebenso wohl fühlen wie Clementine, die Ariel-Dame aus der Blütenweiß-Reklame der Sechziger.

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Daß die Beschwörung eines imaginären Ancien régime aus Sitte & Anstand am Ende Verbrechen verhindert, ist in Wahrheit ziemlich unwahrscheinlich. Diese Theorie setzt voraus, daß die Deutschen nicht mehr unterscheiden könnten zwischen schlechtem Benehmen und Kriminalität. Auch wenn mancher Fahrgast die Standards öffentlicher Ordnung aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit nicht einfordert, spricht nichts dafür, daß den Bundesbürgern der elementarste Maßstab abhanden gekommen wäre: daß jede Toleranz endet, wo die körperliche Integrität bedroht ist; daß in solchen Momenten Zivilcourage gefordert ist. Die allgemeine Empörung nach dem S-Bahn-Verbrechen läßt eher darauf schließen, daß die Gesellschaft das Wegschauen bei Vergewaltigungen nicht dulden will.

 
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