Bilder einer Baustelle
Zwischen Ruine und Umbau, Depot und Neubau, gesegnet von einer Stiftung: Wie Leipzig zur Stadt der Kunst wird
Leipzig glitzert. Wenn man aus der Thomaskirche herauskommt, das Motettensingen noch im Ohr, zu dem sich hier Musikanten zweimal in der Woche so zwanglos-regelmäßig einfinden wie andernorts die formbewußten Fleischklopse im Fitneßstudio, und links um die Kirche herumgeht, dann sieht man an der Ecke Thomasgasse und Klostergasse ein imposantes Eckhaus, Jugendstil aus dem Geiste des Barock, an dessen Türmchen und weithin sichtbarer Kuppel das platte Blattgold nur so funkelt. Die Geschichte dieses Hauses könnte auch als Kurzfassung für die Geschichte der Stadt Leipzig stehen. Zunächst ein Kloster, dann das Kurfürstlich Sächsische Amtshaus, sodann das Sächsische Oberpostamt, das Gotteshaus der Reformierten Kirche der Hugenotten, Kunstakademie für kurze Zeit, schließlich, in jenem Neubau von 1904, der heute noch im wesentlichen erhalten ist, die Firma Franz Ebert, Sachsens "Größtes Spezialhaus für Damen-, Backfisch- und Kinderkleidung". Zu DDR-Zeiten "Kaufhaus Fortschritt", und seit dem 1. Juli 1990, dem Tag der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, ist die Commerzbank der adäquate Untermieter, jene Bank, die von Kurt Schwitters in die Ewigkeit seines Merz-Baus und seiner Merz-Kunst geliftet wurde.
Leipzig bröckelt. Wenn man das Grassi-Museum besucht, vor dem Krieg bekannt als eines der bedeutenden deutschen Kunsthandwerksmuseen, dann ist man, nach dem Gang durch zwei von den flachen Museumsgebäuden umkränzte Höfe, durchaus nicht überrascht, zum guten Schluß durch ein Gitter auf einen kleinen Friedhof mit bescheidenen Kreuzen zu schauen. Die Stimmung stimmt. Fast alles, was es zum Thema Vergänglichkeit zu sagen gibt, ist hier zwischen blinden Scheiben und Mauerrissen zu sehen. Kaum zu sehen ist dagegen das, was das Grassi-Museum (Kunsthandwerk, Völkerkunde und die Instrumentensammlung sind hier unter einem ruinierten Dach) besitzt. Nur 5 von 29 Räumen sind in Benutzung, nur ein Prozent der Sammlung kann gezeigt werden.
Eva Maria Hoyer, die junge Direktorin, kämpft sich mit thematisch gezielten kleinen Ausstellungen und Publikationen an die Front der Wahrnehmung. Im Herbst dieses Jahres will sie die Tradition der Grassimesse wieder aufnehmen, jener Verkaufsausstellung internationalen Kunsthandwerks, die in den zwanziger und dreißiger Jahren einen hohen Ruf hatte.
Ein anderes Stück Vergangenheit kann Eva Maria Hoyer aber nicht wieder zum Leben erwecken: das aufgeklärte und für seine Stadt engagiert planende und handelnde Leipziger Großbürgertum, dem ihre Sammlung (ähnlich wie das Museum der bildenden Künste) den Großteil des Bestandes verdankt. Von allen Publikationen des Grassi-Museums ist das kleine Heft mit der Geschichte und den Kurzbiographien der Mitglieder des 1909 gegründeten Vereins der Museumsfreunde vielleicht die interessanteste und bewegendste.
Von Ackermann und Baedeker, Boerner und Brockhaus bis zu Hirzel, Kippenberg, Kröner, Seemann, Reclam und Wolff sind dort fast alle Namen vertreten, die den Ruhm und Ruf des deutschen Verlagswesens einmal begründet haben, mit Felix Becker und Ulrich Thieme auch noch die Begründer jenes ab 1904 publizierten "Lexikons der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart", das als Thieme/Becker auch heute noch international als das wichtigste Nachschlagewerk der Kunst gilt.
Es ist vielleicht kein Zufall, daß eines der ersten Bilder, mit deren Erwerb das Museum der bildenden Künste nach der Wende die Verluste durch Hitlers Aktion "Entartete Kunst" ein wenig auszugleichen suchte, Max Beckmanns "Der Teppichhändler" war. "Leipzig", so Goethes Erinnerung an seine Studententage, "ruft dem Beschauer keine altertümliche Zeit zurück es ist eine neue, kurz vergangene, von Handelstätigkeit, Wohlhabenheit, Reichtum zeugende Epoche, die sich uns in diesen Denkmalen ankündet. Jedoch ganz nach meinem Sinn waren die mir ungeheuer scheinenden Gebäude, die, nach zwei Straßen ihr Gesicht wendend, in großen, himmelhoch umbauten Hofräumen eine bürgerliche Welt umfassend, Burgen, ja Halbstädten ähnlich sind." Diese doppelgesichtigen Bürgerburgen des Handels gibt es auch heute noch, sie prägen die Architektur der Innenstadt. Aber wo früher im Barthelshof, Stentzlers Hof, Petershof, Speckshof und den anderen Handelshöfen und Messehäusern die Mustermessen für die Fachleute und Händler stattfanden, da lacht uns heute aus Designerdesignläden das Allerweltsangebot entgegen: Benetton & Co.
Die Messen und die Messe aber sind aufs Land gezogen. Wenn man vom Flughafen in die Stadt fährt, dann sieht man sie von fern, die im vergangenen Jahr eröffnete neue Messe, Kristall ohne Palast, fünf Hallen, schwerelos in der für sie zart modulierten Landschaft.






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