Ein Garten für den Neuen Menschen

Heraus zum 1. Mai! Doch nicht nur auf der Straße, auch im sozialistischen Park sollte sich die kollektive Kraft manifestieren - das Modell war Moskaus Gorki-Park Die Chronik einer monströsen Idylle, aufgeschrieben von Karl Schlögel

Parks waren stets mehr als nur ein Stück Natur. Sie waren Entwürfe vom glücklichen Leben, und jede Epoche hatte ihre Traum- und Ideallandschaft, auch die sowjetische. Dort hieß sie "Park der Kultur und Erholung".

Man fand sie überall in der UdSSR. In Leningrad, Baku, Taschkent oder Magadan. Überall betrat man sie durch imposante Portale und breite Alleen. Es gab zentrale Plätze für "gesellschaftliche Selbsttätigkeit", aber auch abgeschiedene Winkel, in die man sich zurückziehen konnte. Im Freilufttheater hatten die Stars der sowjetischen Estrade oder Folklore-Ensembles ihren Auftritt. Blasorchester der Sowjetarmee spielten in Musikpavillons die Weisen des Imperiums - "Abschied von Slawjanka" und "Auf mandschurischen Hügeln". In einem anderen "Sektor" des Parks stand das Riesenrad, es gab Spielplätze mit Karussellen und Sportgelände.

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Die gekiesten Wege liefen immer auf einen zentralen Springbrunnen zu. Im Schatten der Bäume und an den Wegkreuzungen standen Vasen, Statuen von Sportlern und Sportlerinnen in Gips, manchmal auch Tierskulpturen. Im Winter zogen bis tief in die Nacht Schlittschuhläufer und Eishockeyspieler ihre Kreise über die künstlich vereiste Asphaltdecke.

An hohen sowjetischen Feiertagen füllte sich der Park. Die Lautsprecher dröhnten, es wurde getanzt. Erst nach dem Erlöschen des Feuerwerks wurde es wieder still.

Der Kultur- und Erholungspark war eine Institution des sowjetischen Lebens - wie die Parade auf dem Roten Platz, die kommunalka, das Schlangestehen, der Klub und die "Schwanensee"-Aufführung im Bolschoi-Theater.

Er war als "Park neuen Typs" in der heroischen Phase der Sowjetunion, in den dreißiger Jahren, geschaffen worden. Der "neue Mensch" sollte sich darin nicht nur erholen, sondern auch amüsieren, sich nicht nur unterhalten, sondern auch geistig weiterbilden und körperlich ertüchtigen. Der Gegensatz von Freizeit und Arbeit war in dieser Vorstellung ebenso aufgehoben wie der von Individuum und Gesellschaft, von "bewußter Organisation" von oben und "spontaner Selbsttätigkeit" von unten.

Der sowjetische Park sollte ein "Erholungs-, Unterhaltungs- und Kulturkombinat" sein. Nichts an ihm war zufällig, weder die Sichtachsen noch der Stil der Skulpturen, weder die Organisation des Programms noch die Bewegungsabläufe der Besucherströme. Als Gesamtkunstwerk des organisierten Glücks verband er Elemente von Erziehungsanstalt und Lunapark, von "Kraft durch Freude" und Disneyland. Und doch war er etwas ganz Eigenes, in dessen Geschichte die Geschichte der Sowjetzivilisation, ihrer Mobilisierungskraft zu Beginn und ihrer langen Agonie am Ende, enthalten ist. Der Aufstieg des Parks zu einem Topos der sowjetischen Kultur begann dort, wo sie jetzt auch zu Ende gegangen ist: im Moskauer Gorki-Park.

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