Der komplette Artikel: Durchgreifen! Der öffentliche Raum braucht Schutz
Als das schaukelnde Saftglas an den Rand des Glastisches rutscht und auf den strahlend weißen Teppich zu kippen droht, stockt dem Publikum der Atem. Nein, das darf nicht sein. Es ist das perfekte Wohnzimmer, sauber, freundlich, hell. Darin die perfekte Familie, gut gekleidet, freundlich, hübsch. Der Sohn klebt seinen Kaugummi an das Designersofa. Ein Raunen. Als der Vater auf den Boden ascht und die Mutter ihre Tortenreste in den Flokati-Teppich tritt, werden die ersten Kreischreflexe unterdrückt. Das Finale: Der Hausherr pinkelt in die Zimmerecke. Lautes Schreien im Kinosaal. Wer nicht vor Entsetzen im Sessel versinkt, ist versucht aufzuspringen, um dem Treiben Einhalt zu gebieten. Am Ende des Werbefilms mahnt eine ernste Stimme: "Was Sie Zuhause niemals tun würden, das tun Sie bitte auch nicht bei uns. Ihre Bahn."
Offensichtlich gibt es sie noch, die menschlichen Reflexe, wenn es um Ordnung und Sauberkeit geht. Die intuitive Auflehnung gegen Dreck und Ekel, gegen das Überschreiten gesellschaftlicher Konventionen. Offensichtlich ist auch, daß immer härtere Mittel eingesetzt werden müssen, um diesen Gefühlen aufzuhelfen. Mit einer Werbekampagne will die Deutsche Bahn die immensen Reinigungskosten senken. Denn anders als das eigene Wohnzimmer ist das Zugabteil für den einzelnen ein Ort ohne emotionale Bedeutung. Es wird verdreckt, beschmiert, zerstört.
Eine Hamburger S-Bahn ist nun Ort eines Verbrechens geworden, für das die richtigen Worte noch fehlen: Vergewaltigung vor Publikum? Das gab es noch nie. Seit der Fall bekanntgeworden ist, beschäftigt sich die Diskussion vor allem mit einer Frage: Waren die mitfahrenden Waggoninsassen alle taub, sehgestört oder sonstwie gehindert, die Vergewaltigung in ihrem S-Bahn-Abteil durch beherztes Eingreifen zu beenden? Daß sie es nicht mitbekommen haben, mögen wir nicht glauben. Fest steht: Die Zeugen taten nichts. Eine "Wegschaugesellschaft" hat Susanne Gaschke uns in ihrem Leitartikel (ZEIT Nr. 17) genannt, eine Gesellschaft, der das Gespür für menschliches Verhalten, für die elementaren Grundregeln der Gesellschaft abhanden gekommen ist.
Statt zu fragen, wie die Gesellschaft das Absterben menschlicher Hilfereflexe verhindern könnte, sammelte Thomas Kleine-Brockhoff in seiner Antwort auf Susanne Gaschke (ZEIT Nr. 18) eifrig Erklärungen für das Wegsehen: rationale, psychologische, zufällige. Die S-Bahn-Zeugen waren sicherlich froh, als sie an dieser Stelle lesen durften, daß es viele, sogar wissenschaftlich erforschte Gründe für ihr Versagen gibt. Untersuchungen zeigen, daß mehrere Faktoren entscheiden, ob Menschen in Notfällen eingreifen - die Eindeutigkeit der Situation, die Gruppengröße, der Status des Opfers, die möglichen Folgen für die eigene Person. Je nach Gewichtung dieser Faktoren greifen Menschen ein oder sehen weg. Verantwortungsdiffusion nennt das der Psychologe: Die anderen könnten doch helfen, es ist mir zu gefährlich.
Auch in Hamburg ist die Verantwortung offenbar aus dem Waggon herausdiffundiert, vielleicht durch das Frischluftfenster? Die Psychologie mag das Verhalten der Reisenden erklären, eine Rechtfertigung liefert sie nicht. Weil es keine geben darf.
Daß es auch anders geht, zeigt das "Wunder von New York" (ZEIT Nr. 14). Jahrzehntelang ein Hort der Zerstörung und des Verbrechens macht die New Yorker U-Bahn eine merkwürdige Wandlung durch. Sie wird sauberer, sicherer, freundlicher. Der Grund für den Wandel liegt in der neuen Polizeistrategie, die da lautet: "Null Toleranz". So wird verhaftet, wer mit Drogen dealt; verfolgt, wer die Wände bemalt; beäugt, wer irgendwie verdächtig aussieht. Seit die Ordnungshüter massive Präsenz zeigen und hart durchgreifen, gehen die Straftaten spürbar zurück. Weniger Gewalt, Raub und Diebstahl, weniger Vandalismus und Belästigung. Weniger Mord. Die New Yorker trauen sich wieder raus, seit die Staatsgewalt für sie den öffentlichen Raum zurückerobert hat.
- Datum 09.05.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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