Für Nobelpreisträger muß die Versuchung, in vorgerücktem Alter ihr gesammeltes Wissen zu einer großen Universaltheorie zusammenzufassen, unwiderstehlich sein. Der nahezu übermenschlichen Aufgabe, das Wesen des Geistes zu erklären, widmeten sich in jüngster Zeit daher gleich drei nobelgekrönte Häupter: Neben Francis Crick und Gerald Edelman arbeitete daran auch Sir John Carew Eccles, geboren 1903 in Australien, 1963 in Stockholm für seine neurophysiologischen Arbeiten über die Reizleitung in Nervenzellen ausgezeichnet, gestorben am 2. Mai dieses Jahres.

Der stets leidenschaftlich interessierte Eccles, der kurz vor seiner drohenden Pensionierung von Australien in die USA auswanderte und erst mit 72 Jahren den aktiven Wissenschaftsbetrieb verließ, kann gewissermaßen als Vorreiter all jener Forscher gelten, die sich heute um eine Erklärung des Bewußtseins mühen. Schon in den siebziger Jahren begann Eccles, populärwissenschaftliche Bücher über das Wesen des Geistes zu verfassen, lange bevor "Bewußtseinsforschung" überhaupt als adäquater wissenschaftlicher Gegenstand galt. Sein aufsehenerregendstes Werk schrieb er zusammen mit dem Philosophen Karl R. Popper, dem Begründer des Kritischen Rationalismus: Ihr Dialog erschien 1977 unter dem programmatischen Titel "The self and its brain" (auf deutsch: "Das Ich und sein Gehirn"). Ihre Schlußfolgerung: Jedem Menschen sei ein besonderes "Ich-Bewußtsein" eigen, das nicht allein auf die materiellen Hirnvorgänge zurückzuführen sei, sondern umgekehrt diese steuere und beeinflusse.

"Das Gehirn gehört dem Ich und nicht umgekehrt", formulierte es Popper in dem gemeinsamen Buch. Das "psychophysische Ich" sei der "aktive Programmierer des Gehirns". Das Gehirn dagegen führe nur Befehle aus. Freilich ging Popper nicht gar so weit wie der Katholik Eccles, der sich in einem späteren Buch genötigt fühlte, "die Einzigartigkeit des Ich oder der Seele einer übernatürlichen spirituellen Schöpfung zuzuschreiben", und überzeugt war, die göttlich geschaffene Seele werde "dem Foetus zu einer Zeit zwischen der Empfängnis und der Geburt eingepflanzt".

Zu dieser Ansicht gelangte der Hirnforscher freilich nicht allein durch den Glauben, sondern auch durch die Erkenntnis, daß die Neurologie trotz aller Fortschritte bislang keine befriedigende Erklärung für das Ich-Bewußtsein des Menschen liefern konnte. Aus tiefstem Herzen polemisierte der Neurophysiologe daher auch gegen jene modernen Bewußtseinsforscher, die meinen, just eine solche Erklärung rücke gegenwärtig in Reichweite er glaubte vielmehr, "die Frage nach der Herkunft des Selbst läßt sich nur religiös beantworten. Es wird uns gegeben, es ist der Geist Gottes."

Diese Auffassung erinnert stark an das dualistische Denken von René Descartes, der die abendländische Diskussion des "Leib-Seele-Problems" nachhaltig beeinflußt. Als Descartes 1637 den berühmtesten Satz der Philosophiegeschichte, "Ich denke, also bin ich", niederschrieb, ging es ihm nicht nur um eine logische Begründung seiner Philosophie. "Ich erkannte daraus", schreibt er in seinen "Discours de la Méthode", "daß ich eine Substanz sei, deren ganze Wesenheit oder Natur bloß im Denken bestehe und die zu ihrem Dasein weder eines Ortes bedürfe noch von einem materiellen Dinge abhänge, so daß dieses Ich, das heißt die Seele, wodurch ich bin, was ich bin, vom Körper völlig verschieden und selbst leichter zu erkennen ist als dieser und auch ohne Körper nicht aufhören werde, alles zu sein, was sie ist." Für Descartes war die mechanisch arbeitende, ausgedehnte Körpersubstanz (Res extensa) eben abgrundtief getrennt von der ausdehnungslosen denkenden Substanz (Res cogitans). Einzig (und ausgerechnet) in der Zirbeldrüse sollten die beiden Bereiche zusammenkommen und -wirken.

Unter allen heutigen Hirnforschern kam Sir John Eccles dem cartesianischen Dualismus wohl am nächsten. Freilich bezeichnete der Nobelpreisträger sich selbst lieber als "Trialist" und basierte sein Denken auf Karl Poppers Modell der "drei Welten", das zwischen sinnlich erfahrbaren Gegenständen (Welt 1), "subjektivem Wissen" (Welt 2) und "Wissen im objektiven Sinne" (Welt 3) unterscheidet. Da diese drei Welten allerdings in pausenloser Wechselwirkung miteinander stünden und sich gegenseitig beeinflußten, bezeichnete sich Eccles auch als "trialistischer Interaktionist": Nicht nur der Geist wirkt auf das Gehirn. Das Gehirn und seine darin gespeicherten Erfahrungen beeinflussen auch das Bewußtsein.

Ähnlich wie Descartes beschäftigte sich Eccles ausgiebig mit der Frage, wie denn der von Gott geschaffene Geist auf das materielle Gehirn einwirken könne. Schließlich soll diese Einwirkung weder materiell noch energetisch sein (denn da der Geist nicht-materiell ist, würden sonst die physikalischen Erhaltungssätze verletzt). Des Rätsels Lösung lag für den Neurophysiologen allerdings nicht in der Zirbeldrüse, sondern - wenig überraschend - auf seinem ureigensten Forschungsgebiet: in der Reizleitung zwischen den Neuronen. Jede Zelle besitzt bis zu 10 000 Schaltstellen (Synapsen) zu Nachbarzellen. Erreicht ein Nervenreiz eine Zelle, öffnen sich winzige Säckchen (sogenannte Vesikel) und setzen chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) frei. Diese Transmitter durchqueren den Spalt, der die Synapsen zweier Nachbarzellen trennt und leiten den Reiz weiter. Freilich - und das war für Eccles der entscheidende Punkt - führt nicht jeder einlaufende Nervenimpuls zwangsläufig zur Ausschüttung eines Transmitterbläschens. Eccles deutete diese Tatsache so: Das Bewußtsein modifiziere die Wahrscheinlichkeit, mit der die Botenstoffe freigesetzt werden - auf diese Weise wirke der Geist auf das Gehirn ein.