Ein großer Tag für die deutsche Literatur: Paul Celans Gedichte aus dem Nachlaß

Nimmergesänge und Zwitscher-Hymnen

Lauter schöne, fremde Wörter, noch nie zu hören in deutscher Dichtung: "Lichtschoß", "Eiterlicht", "Nesselschrift", "Milchblitz", "Steineuter", "Bitterplanet", "Blindmund", "Haut-Heute", "Elendsgestirn", "Lufthai", "Wahngänge", "Nimmergesänge"; daneben "sterngrün", "tagweiß", "heidekrautdunkel", "messernah", "heimgeschmerzt", "gesamtstumm", "rotdeutsch und schwarzwelsch", "unhaus", "gegenbreiig", "amtabwärts", "übersterbensgroß", "durchvatert", "geengelt".

Und Gedankenbilder, Rätselformeln, die sich beim ersten Lesen einprägen: "Niemals vor lauter Immer." - "groß und unverschwiegen: du." - "und auch die Klage / will in die Klage / will in sich zurück." - "Entschwiegenes, warum / leb ich?" - "Verjagt aus dir selber, entweichst du dir nicht." - "Wirf mir den Handschuh der Stille vors Herz."

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Das darf man natürlich nicht: Wörter, Bilder, "Stellen" aus Gedichten klauben. Doch wie reden über ein Buch, dessen sprachlicher Reichtum, Bilderflut, Gedankenfülle, Kraft des Gefühls den Leser überwältigt und vieles wegschwemmt von dem, was wir in letzter Zeit gelesen haben. Die Verse aus Paul Celans Nachlaß, unveröffentlichte Gedichte der Jahre 1944 bis zum Tod des Dichters in der Seine im April 1970, waschen uns die Augen, schärfen das Gefühl für deutsche Sprache, machen den Kopf hell und traurig das Herz.

Dürfen wir diese Verse, vier Seiten das längste, eine Zeile das kürzeste (". . . und hagelte an mir umher"), überhaupt kennen? Hat Celan nicht über manche seiner Arbeiten, die er oft bis auf die Minute genau datiert und meistens in Mappen gesammelt hat, vor allem in den letzten Lebensjahren geschrieben: "Nicht veröffentlichen!", "Unveröffentlichbar"? Aber vernichtet hat er sie nicht, wie andere, von denen nur Titel künden - und die Spuren aus dem Notizbuch gerissener Seiten.

Wie reden über Gedichte, die Celan oft im letzten Augenblick aus dem schon fertigen Konvolut eines neuen Bandes ausgeschieden hat? Wir denken nicht an (vielleicht) zu persönliche, private Zeilen, an freundschaftliche Gelegenheitsgedichte, an Verse, deren (auto-)biographischen Ton der Autor (noch) nicht publik machen wollte.

Doch weshalb lesen wir diese drei Zeilen, unter die Celan das Datum, Dezember 1965, gesetzt hat, erst jetzt? "Die Eingeweide des Klangsteins, / breitgetanzt im Licht / des Elendsgestirns"? Oder diese vier Verse, in Reinschrift aufbewahrt in einem Schulheft unter dem Datum 14.12.1968? "Leb die Leben, leb sie alle, / halt die Träume auseinander, / sieh, ich steige, sieh, ich falle, / bin ein andrer, bin kein andrer."

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