Fünfundzwanzig Jahre! Ein außergewöhnlicher Fall in der deutschen Parlamentsgeschichte. Ein Vierteljahrhundert hat Bonn gebraucht, um dieses eine, kleine Gesetz zu ändern. Die Ostverträge waren nichts dagegen.

Bisher nennt man die Vergewaltigung in der Ehe nicht beim Namen. Der Schutz der Ehefrau als Staatsbürgerin, ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung: Mit dem Jawort ist beides so gut wie dahin. Männerfreundlich münzt der Trauschein ein Verbrechen in ein Vergehen um, eine Vergewaltigung in eine Nötigung.

An diesem Donnerstag, den Frauen im Parlament sei Dank, wird sich das endlich ändern, sofern die Opposition vollzählig antritt. Dann wird ein neuer Strafgesetzbuch-Paragraph 177 verabschiedet. Er basiert auf einem klugen Gruppenantrag von Parlamentarierinnen aus allen Fraktionen und ist der Text der Regierungskoalition, reduziert um die Widerspruchsklausel, dieses strafrechtliche Unding. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble, mittlerweile jeglicher Stagnation überdrüssig, hat den Fraktionszwang aufgehoben und damit den Ewiggestrigen in seinen Reihen die Blockademacht entzogen.

Zum zweiten Mal behauptet sich widerspenstige Solidarität von Politikerinnen über Parteigrenzen hinweg. Durch ihr zähes Festhalten am Reformziel - klar: mit männlichem Beistand - werden die Interessen der Bürgerinnen nun wirklich wahrgenommen. Zuletzt hatte die große Fraktion der Widerwilligen noch die ominöse Widerspruchsklausel gegen eine Reform in Stellung gebracht. Sie würde es der vergewaltigten Ehefrau ermöglichen, das Verfahren gegen ihren Mann zu stoppen.

Dieser Unfug hieße nichts anderes, als dem Vergewaltiger mit Trauschein ein hervorragendes Druckmittel gegen sein Opfer in die Hand zu geben. Der staatliche Strafanspruch im Falle eines Verbrechens würde quasi privatisiert. Und das mit dem scheinheiligen Hinweis auf das Grundgesetz, wonach Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz des Staates stehen!

25 Jahre - warum bloß hat alles so lange gedauert? 1972: erstes Scheitern der Sozialdemokraten, als sie das Sexualstrafrecht reformierten und das neue Kapitel "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" ins Gesetzbuch schrieben. Es überwogen die verqueren, bei jedem Reformversuch wiederkehrenden Argumente der Eheschützer: Vergewaltigung in der Ehe? Gibt's bei uns nicht. Der Staatsanwalt habe unterm Ehebett nichts zu suchen. Und überhaupt: Beweisschwierigkeiten ohne Ende. Außerdem sei der Schutz doch gewährleistet. Und grundsätzlich: Vergewaltigung in der Ehe genauso zu ahnden wie außerhalb der Ehe zerstöre deren Kern, unterhöhle die Institution. Nicht die kriminelle Tat, sondern ihre gerechte Strafe erschüttert nach dieser Logik die Gesellschaft.