Literatur-Kanon? Der ist längst passé. In vielen Lehrplänen ist von Literatur kaum mehr die Rede, verbindliche Lektüre nicht gefragt. Bis zu neunzig Prozent derer, die ein Germanistik-Studium beginnen, kennen den "Faust" nicht. Was Abiturienten gelesen haben, bleibt weithin dem Zufall überlassen. Die kulturelle Überlieferung bricht ab, das Gespräch über Literatur versiegt. Die ZEIT hat namhaften Autoren und Zeitgenossen die Frage vorgelegt: "Welche literarischen Werke der deutschsprachigen Literatur müßte ein Abiturient im Deutschunterricht gelesen haben? Bitte nennen Sie drei bis fünf Titel und begründen Sie Ihre Auswahl. Nennen Sie außerdem einen Titel, der nicht unbedingt zu diesem Mindestkanon gehören mag, von dem Sie aber möchten, daß er häufiger gelesen werde." Manche der Befragten belustigten sich über die Beschränkung auf sechs Titel. Aber die Summe der Vorschläge zeigt die Vielfalt des Möglichen. Andere kritisierten die Beschränkung auf deutsche Literatur. Aber der Adressat der Umfrage ist der Deutschunterricht, und wer einmal das Reich der Literatur betreten hat, wird von selber ins Internationale ausschweifen. Wieder andere kritisierten die Kanon-Idee überhaupt: Sie habe mit Literatur wenig oder nichts zu tun. Mag sein, aber der Streit darüber sollte beginnen.

REINHARD BAUMGART, Schriftsteller und Kritiker:

Die Einladung, "drei bis fünf" Pflichtlektüren für Abiturienten vorzuschlagen und damit in Umrissen gar einen "Kanon" zu bilden, verschlägt einem schier den Atem und die Lust mitzuspielen. Wer so wenig liest, wird auch solch ein literarisches Existenzminimum nicht mehr verstehen wollen und genießen können. Mit diesem Vorbehalt und entsprechend zögernd und mürrisch nenne ich: Goethe "Die Wahlverwandtschaften", Kleist "Das Käthchen von Heilbronn", Büchner "Woyzeck", Fontane "Effi Briest", Grass "Die Blechtrommel" - also nicht "Nibelungenlied", "Faust" oder "Die Buddenbrooks" und was sonst noch in die nationale Schatzkiste zu gehören scheint - insofern ein Anti-Kanon, kein Bildungsvorrat. Doch meine Werke sind ebenso zugänglich wie komplex und enthalten stillschweigend viele andere Werke, der gleichen Autoren, der Epoche. An ihnen läßt sich erfahren, was Literatur an sich und für verschiedene Zeiten und Leser kann, will, soll.

Eine ganze Gattung, das Gedicht, wäre damit noch ausgeblendet - das geht nicht. Ich erweitere also den Spielraum eigenmächtig und schlage vor, daß jeder Abiturient aus dem Textangebot von sagen wir Goethe und Hölderlin, Rilke und Brecht, Bachmann und Brinkmann sich einen eigenen lyrischen Kanon mit zehn Gebilden auswählt, sich aneignet und - auswendig lernt!

MARCEL BEYER, Schriftsteller:

Das Lied der Nibelungen (zweisprachig zu lesen) oder Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Abenteuerlicher Simplicius Simplicissimus sind heute bereits Grundausstattung jedes Erfinders von Computerspielen. Ernst Jandl gibt mit Das Öffnen und Schließen des Mundes eine Einführung in die Notwendigkeit der Sprache - als Lebensbefragung vor dem Hintergrund der klassischen Moderne - nicht 1933 abgebrochene, sondern 1945 beendete Traditionen -, Paul Celan führt in Die Niemandsrose (Tübinger Ausgabe) die daraus erwachsene Problematik vor, daß ein mehrsprachig dichtender Überlebender für deutschsprechende Christen nichts als dunkel sein kann. Friederike Mayröcker zeigt mit die Abschiede, daß Welt und Sprache nicht schwierig, sondern veränderlich sind, und Heimrad Bäcker gibt in nachschrift ein Beispiel von Deutlichkeit und der Verankerung deutschen Listenwesens. Mit Feridun Zaimoglus Kanak Sprak und Johann Wolfgang von Goethes West-östlicher Divan verlassen die deutschen Schüler aller Sprachen das Folklorereservat. - Unruhe, Mord, Sprachvielfalt und -bewegung: Von dort aus weiter zu Johann Christian Günther, Jean Paul, Dada, Peter Weiss, falls die Neugier nicht gestillt, sondern angefacht ist.

Es hat mir sehr viel Freude gemacht, über Ihre Fragen nachzudenken!

EDZARD REUTER, Unternehmer:

Kein Zweifel: Wer nicht gelernt hat, Literatur zu lesen, muß "ein Fremdling bleiben auf Erden". Zu jedem Lernen aber gehört Anleitung, ein tägliches Rüstzeug, ein Kanon. Dafür nur fünf Nennungen welch grausame Kürze!

1. Natürlich Goethes "Faust": Wie könnte man besser jene Zerrissenheit kennenlernen, die in jedem, auch in Dir, steckt?

2. Der "Woyzeck" von Büchner: Was Eiseskälte den Menschen antun kann.

3. Schillers "Don Carlos": das ewigwährende, nie zu Ende gehende Ringen um das Wesen der Politik.

4. Fontanes "Stechlin": Würde, Zuneigung, Pflichtbewußtsein, Treue, Melancholie, Toleranz - das alles ohne Spur von falschem Pathos.

5. Und schließlich der "Nathan" von Lessing: was heutzutage weniger denn je der Begründung bedarf.

Grimmelshausen fehlt auf der Liste, Hölderlin, Eichendorff, Rilke, Kafka, das eine oder andere von Thomas Mann oder Bert Brecht, Dürrenmatt - vor allem aber jene beiden Autoren, die mir über alles gingen: Uwe Johnson (bestimmt die "Mutmaßungen über Jakob", vielleicht auch die "Jahrestage") und Hans Sahl: "Die Wenigen und die Vielen". Wer einen tragfähigen "Kanon" in sich aufgenommen hat, wird sich schnell von allein weiter zurechtfinden.

INGE MEYSEL, Schauspielerin:

Wenn ich mit den zwei Schülern, die mir bei der Gartenarbeit helfen, manchmal über Literatur spreche, dann bin ich erstaunt, was die alles nicht kennen. Natürlich müssen die großen Klassiker dringend gelesen werden, Lessing, Goethe, Schiller, Kleist. Warum war "Nathan der Weise" im vergangenen Jahr das am häufigsten gespielte Stück? Es hat uns offenbar etwas Wichtiges zu sagen. Ich denke auch, daß man Gerhart Hauptmann lesen müßte und natürlich Conrad Ferdinand Meyer, Rilke. Auch Erich Kästner gehört dazu und vor allem Franz Werfel, einer der größten Schriftsteller, die wir je hatten. Von den neueren müssen Heinrich Böll und Martin Walser gelesen werden. Übrigens glaube ich, daß man sich im Deutschunterricht nicht auf deutsche Literatur beschränken darf. Ein Abiturient muß auch Tschechow und Sartre kennen.

SIEGFRIED UNSELD, Verleger, Suhrkamp:

Wir können uns vielleicht leicht auf die 50-100 wichtigsten Werke der deutschen Literatur einigen. Bei einer Anfrage nach den musts für den deutschen Abiturienten verengt sich die Perspektive, bei lediglich fünf Titeln entsteht eine Nötigung in Richtung der Großform.

Wenn es fünf Titel sein sollen:

1. Das Nibelungenlied, 2. Goethe, Faust, 3. Büchner, Woyzeck, 4. Heine, Buch der Lieder, 5. Kafka, Der Prozeß.

Die Wirkungen des Nibelungenlieds durchziehen und prägen die gesamte Vorstellungswelt der Deutschen (und teilweise auch die Vorstellungswelt über die Deutschen in anderen Ländern).

Goethes Faust als der mit Abstand wirkmächtigste Text unserer klassischen Literaturepoche. Exemplarisch für die Synthese der antiken Mythologeme mit dem modernen und genuin deutschen Mythos der Faust-Gestalt.

Büchners Woyzeck formuliert den fundamentalen Konflikt der folgenden 150 Jahre, die Unterwerfung des einzelnen unter inhumane Kollektivkräfte und sein Verlust an Selbstverantwortlichkeit.

Der Lyriker Heine hat für die Lyrik des 19./20. Jahrhunderts völlig neue sprachliche Formen entwickelt.

Kafkas Prozeß ist ein Schlüsselwerk der Weltkriegs-Epoche, Zeitdiagnose wie Prophetie.

Wählte man fünf Titel aus dem 20. Jahrhundert aus, könnte die Liste so aussehen:

1. Kafka, Der Prozeß, 2. Thomas Mann, Der Zauberberg, 3. Rilke, Malte Laurids Brigge, 4. Brecht, Galilei, 5. Hesse, Steppenwolf.

Und wenn man an die unmittelbare Zeit der heutigen Abiturienten denkt, die folgenden fünf Titel:

1. Frisch, Homo Faber, 2. Bernhard, Amras, 3. Johnson, Jahrestage, 4. Jurek Becker, Jakob der Lügner, 5. Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W.

Sich jeweils auf fünf Titel zu konzentrieren, dafür muß ein subjektives Kriterium angewandt werden. Man kann im 20. Jahrhundert fast Roulette spielen und schauen, wohin die Kugel rollt. Vielleicht auch auf Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, oder Günter Grass, Die Blechtrommel. In jedem Fall aber steht an erster Stelle: Johnson, Jahrestage, der bisher letzte Epochenroman, der sich wie sein großer Vorgänger Ulysses auf einen Welttag - auf ein Weltjahr - fokussiert, zeitgenössische Erzähltechniken souverän anwendet, das Material virtuos entfaltet; er ist sogleich Epiphanie der Alltäglichkeit und doch Utopie-Entwurf.

HERTA MÜLLER, Schriftstellerin:

Ein Kanon deutscher Literatur ist nötig. Aber für mich gehören neben der "Todesfuge" eines Paul Celan aus der Bukowina die Bücher des Italieners Primo Levi, des Spaniers Jorge Sempr£n, des Ungarn Imre Kértesz.

MARCEL REICH-RANICKI, Kritiker:

Das verschlägt mir die Sprache. Denn den Redakteur, der mit dieser Frage zu erkennen gibt, man müsse sich damit abfinden, daß die Abiturienten von der gesamten deutschsprachigen Literatur, von allen Romanen, Erzählungen, Dramen und Gedichten nur drei bis fünf Titel kennen, halte ich für einen Barbaren, bestenfalls für einen Spaßvogel. Nun mag es sein, daß sich die deutsche Nation, wenn es um die eigene Literatur geht, tatsächlich mit raschen Schritten der totalen Barbarei nähert. Aber ich mache da nicht mit, ich begehre nicht schuld daran zu sein.

Hier meine Mindestration für die Gymnasiasten. Zuerst Romane:

"Werther", "Effi Briest" und "Buddenbrooks". Mit drei Romanen begnüge ich mich nur unter der Bedingung, daß fünf Erzählungen dazukommen: Büchners "Lenz", Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe", Schnitzlers "Leutnant Gustl", Musils "Törless" und Kafkas "Hungerkünstler". Dramen: "Minna von Barnhelm" oder "Nathan der Weise", "Faust I", "Kabale und Liebe" oder "Don Carlos", "Prinz von Homburg", "Dantons Tod" oder "Woyzeck", "Mutter Courage".

Lyrik: Je zwei Gedichte von Hölderlin, Schiller (Balladen!), Eichendorff, Heine, Rilke und Brecht. Außerdem gibt es ja noch die Lyrik von Goethe: Da müssen mindestens vier Gedichte behandelt werden. Billiger mache ich es nicht.

ELFRIEDE JELINEK, Schriftstellerin (Österreich):

Ich meine, in den Schulen sollten Autoren gelesen werden, die zwar ich sagen, sogar unaufhörlich, also diese Ichbesessenheit zwar haben, aber nicht sich damit meinen. Und die größten sind da für mich Robert Walser und Franz Kafka. Dann wäre für junge Leute wichtig, glaube ich, eine Literatur zu lesen, die ekstatisch ist, außer sich gerät, ohne sich dabei aufzublasen, in erster Linie Büchner und die Lyrik Hölderlins, Trakls und Celans (auch wenn das eine Heidegger-Auswahl ist). Und Thomas Bernhard, der wieder von sich zwar besessen ist, sein Ich aber vollkommen abstrahieren kann zu einer Sprache der Atemlosigkeit, bei der der Rhythmus das Suggestive ist und nicht der Voyeurismus, der dem Autor als Person gilt. Also, noch einmal: Wer ich sagt, darf nicht ich meinen. Schrecklich, daß mir in deutscher Sprache keine Frau einfällt, oder?

KLAUS WAGENBACH, Verleger:

Die Idee, einem Bürgertum, das inzwischen so ungebildet ist, wie nicht einmal polizeilich vorgesehen, einen literarischen Kanon nachzuwerfen, der ihm ohnehin piepe bleibt, ist so absurd, daß ich mich gern darauf einlasse.

Allerdings ohne Beschränkung auf irgendeine Zahl, die jemanden auf die Idee bringen könnte, damit sei es genug. Ich möchte vielmehr ein paar vaterländische Tiefbohrungen vorschlagen, die Lust und Leidenschaft für die Entdeckung von - historischen wie mentalen - Querstollen wecken könnten.

Zuerst vielleicht die Besichtigung von sechs kapitalen deutschen Charakteren, in der Reihenfolge ihres Auftretens: Faust (Volksbuch oder Urfaust), die Mohr-brothers (Schiller), Kohlhaas (Kleist), Taugenichts (Eichendorff), Woyzeck (Büchner), Zarathustra (Nietzsche) und der unvermeidliche Untertan (H. Mann).

Dann womöglich das Kennenlernen von deutschen Zuständen: Das Land der Glaubenskriege (Simplicius Simplicissimus), das Märchenland (Brüder Grimm wie Heinrich Heine), das Land der verfolgenden Unschuld (Böll, Katharina Blum) und der Mörder (Andersch, Der Vater eines Mörders; Arendt, Eichmann in Jerusalem; Celan, Todesfuge; Fried, Nachwissen?).

Ein kleines Kapitel über den Umgang mit künstlerischen Gegenständen: Hofmannsthal, Chandosbrief; Freud, Das Unheimliche; Benjamin, Das Kunstwerk.

Ein kleines Kapitel über das - mißratene - Heimischwerden in deutscher Umgebung: Brecht, An die Nachgeborenen; Hermlin, Rückkehr; Jurek Becker, Mein Vater, die Deutschen und ich.

Ein nachdrückliches Gedenkblatt für die DDR, mindestens: Hein, Der Tangospieler.

Und: Lesen!

Nur sechs Beispiele aus unserem Jahrhundert: Kafka, Bericht für eine Akademie; Th. Mann, Mario und der Zauberer; Bachmann, Freies Geleit; Aichinger, Spiegelgeschichte; Grass, Katz und Maus; Bobrowski, Mäusefest.

Wie überhaupt ich für die Schule empfehle: Lesen! Wenig interpretieren! (Auch wenn der pädagogische Knochenfinger juckt.) Laut vorlesen!

PTER NADAS, Schriftsteller (Ungarn):

Wie können wir den "Faust" ernsthaft noch Schülern empfehlen, wenn wir seit langem in der Nachtszene gefangen sind und sehen, "daß wir nichts wissen können". Wir sind mit dem Latein ziemlich am Ende. Damit will ich nicht sagen, daß es keine festen Maßstäbe gibt. Natürlich gibt es sie. Obgleich man nicht gerne vergißt, wie leicht aus einem Maßstab eine Rute wird. Trotzdem gibt es den Kanon. Für mich war es in den Jahren der Diktatur gerade die einzige Rettung, daß es ihn trotzdem gab.

Goethe: "Die Wahlverwandtschaften". - Über die beherrschte Seite der Beziehungen; ein verwirklichter Traum.

Schiller: "Die Räuber". - Über den Aufbruch in eine neue Welt, bei der Selbstverwirklichung durch Selbstvernichtung hindurchführt.

Kleist: "Michael Kohlhaas". - Über himmelschreiende Ungerechtigkeit und rachsüchtige Revolte; ein abgrundtiefer Genuß.

Büchner: "Woyzeck". - Über die unbändige Seite der Beziehungen; die latente Wirklichkeit.

Rilke: "Duineser Elegien". - Die grausamen Engel in einer anderen Dimension.

Kafka: "Der Prozeß". - Über die allgegenwärtige und kaltverwaltete Brutalität; Übergänge zwischen Bewußtem und Unbewußtem.

Von der klaren Sicht dieser sechs Dichter begleitet, würde ich mit den Abiturienten ruhig ins neue Jahrhundert aufbrechen und noch ein siebentes Buch herzlich fürs Leben empfehlen:

Thomas Mann: "Doktor Faustus". - Dann finden sie auch den sicheren Weg zu "Faust" zurück.

HEINZ DÜRR, Unternehmer:

Erstens hoffe ich, daß ein Abiturient mehr als5 Bücher gelesen hat. Dann die Auswahl:

1. Gotthold Ephraim Lessing: "Nathan der Weise". Hauptvertreter und zugleich Vollender und Überwinder der Aufklärung der deutschen Literatur mit dem Thema Unabhängigkeit, Unbestechlichkeit und Wahrheitsliebe. Auch das Thema der Religionen beim Nathan ist wichtig für heutige Auseinandersetzungen junger Abiturienten mit der Gesellschaft.

2. Johann Wolfgang von Goethe: "Faust". Wer den "Faust" nicht gelesen hat, hat was verpaßt.

3. Heinrich Mann: "Der Untertan". Satire über das deutsche Kaiserreich, der Untertan als Symbol für die Epoche, aber auch als Vorbereitung dafür, wie der deutsche Spießbürger den Nationalsozialismus aufnimmt.

4. Franz Kafka: "Der Prozeß". Die ursprüngliche Schuld des einzelnen vor Gericht, Daseinserfahrung und aussichtsloser Kampf des Individuums gegen alle anderen/Bürokratie.

5. Christa Wolf: "Der geteilte Himmel". Als DDR-Literatur wichtig für ein vereintes Deutschland.

Ein Buch, das mehr gelesen werden sollte:

Klaus Mann: "Der Wendepunkt". Lebensbericht des Thomas-Mann-Sohnes, der von den Nazis ausgebürgert wurde. Wichtig für die deutsche Literatur im Exil, denn hier hat ein junger Mensch den Nationalsozialismus von außen gesehen und ist daran zugrunde gegangen. Übrigens auch geschichtlich interessant, weil Klaus Mann Einblick in die europäische Literaturszene hatte und später mit der amerikanischen Armee in Europa landete.

Überhaupt sollten Abiturienten mit wachsendem Europagefühl auch andere europäische Schriftsteller lesen.

ADOLF MUSCHG, Schriftsteller (Schweiz):

Mein Axiom ist trivial und unpopulär: Lernen heiße in jedem Fall, die Grenzen dessen, was wir bisher gewußt haben, sprengen. Und: was Menschen nicht erst einmal ratlos gemacht habe, das habe sie noch nie gefördert.

Auch gute Leser entstehen niemals durch wohlgemeinten Kosten-Nachlaß und didaktische Anbiederung, sondern allein durch ehrliche Zumutungen. Ehrlich heißt: Die Schüler müssen ihren Lehrern glauben können, daß auch diese mit ihrer Lektüre noch keineswegs fertig sind.

So kann sich die Lust einstellen zu erfahren, was (in) der Literatur möglich ist. Und die Lust, eigene Möglichkeiten dagegenzuhalten - eingeschlossen diejenige zur Abwehr, zum Widerstand. Und da ich etwas wie eine "deutsche Klassik" ohnehin für ein Mißverständnis halte, empfehle ich lieber gleich einen Kanon für Grenzgänge, ein solcher kann Menschen, deren Entwicklungsfähigkeit wir ernst nehmen, dort "abholen", wo sie noch nicht waren.

1. Goethes "Faust" - I und II - ist ein Atlas der europäischen Moderne. Heutige Gymnasiasten werden darin anfangs nur wenige Gegenden wiedererkennen und "besetzen". Das Weitere kann man ihrem Entdeckermut überlassen, es kommt nur darauf an, ihn geweckt zu haben. "Faust" ist ein Stück, das seine Leser ein Leben lang immer neu inszenieren, aber dafür müssen sie ihm einmal begegnet sein. In einer Fremdsprache - warum nicht? Vielleicht wird sie dem Leser, je mehr sie ihn beschäftigt, noch fremder. Aber er wird feststellen, daß er mit ihrer Hilfe auch ganz andere Bücher besser liest: die Bibel, die antiken Tragiker, die Klassiker der Ökonomie, aber auch die neueste Esoterik oder die Schriften des Club of Rome.

2. Mein zweiter Beitrag zum Kanon war für Goethe reine "Gefühlsverwirrung", ein Exzeß von Gewalt und Komposition: Kleists Erzählungen. Lauter Widersprüche erzeugen den Rhythmus großer Prosa. Wer Glenn Gould hören kann, der kann Kleist lesen.

3. Jedem Menschen - und dem jungen zur rechten Zeit - wünsche ich eine Begegnung mit Hölderlin, und zwar dem schwierigsten, mit "Brod und Wein" zum Beispiel, spätere Varianten eingeschlossen. Damit ihm - und wäre es Ein Mal im Leben - die Erfahrung nicht entgeht, was es heißen kann, Sprache heilig zu halten.

4. Für das Training gewissenhafter Wahrnehmung setze ich einen der schreibenden Maler des 19. Jahrhunderts in den Kanon. Gottfried Kellers "Grüner Heinrich " erlaubt die gesellschaftliche Einzelheit exakt zu lesen, Adalbert Stifters "Studien" die naturgeschichtliche.

5. Soll aber etwas am Nachweis liegen, daß große Literatur das Schwierigste leicht, das Dunkelste heiter behandeln kann, so wäre Büchners "Leonce und Lena" obligatorisch - weil die Komödie jedes Obligatorium zum Spott macht.

Durch das Prisma dieser Autoren aus einer früheren Neuzeit müßte sich auch jedes Zeugnis der späteren - unsere Postmoderne eingeschlossen - mit viel stärkerer "Auflösung" lesen lassen. Allerdings darf die Optik des Deutschunterrichts dabei das Moment der Entfernung nicht versäumt haben - aus lauter Angst, den Schülern diese Werke sonst nicht "nahezubringen". Selbst wenn diese Nähe keine Täuschung wäre: An ihr ist nichts gelegen. Abstand gehört zum Kunstwerk und steigert die Einsicht. Nichts Einfältigeres als die Frage, was uns Schiller "noch" zu sagen habe. Jede Gegenwart ist dürftiger als ihre Möglichkeiten, darum sind unsere Begriffe von Aktualität kein Prüfungskriterium, sie sind auf dem Prüfstand. Wie soll, wer keine Befremdung riskiert, jemals erfahren, wie viel er sich zu eigen machen kann?

JOACHIM SARTORIUS: Generalsekretär Goethe-Institut:

Ein Abiturient müßte im Deutschunterricht die folgenden literarischen Werke unbedingt gelesen haben:

- Friedrich Hölderlin: Hyperion

- J. W. Goethe: Wahlverwandtschaften

- Georg Büchner: Dantons Tod

- Thomas Mann: Der Zauberberg

- Gottfried Benn: Gedichte (die von ihm selbst 1956 getroffene Auswahl)

Mit einem Satz, wie Sie hoffen, kann ich diese Auswahl nicht erklären noch begründen. Ich wünschte mir, der in Frage stehende Abiturient habe auch "Billard um halb zehn" von Heinrich Böll, "Frost" von Thomas Bernhard, "Mutmaßungen über Jakob" von Uwe Johnson und "Nobodaddys Children" von Arno Schmidt gelesen.

PETER RÜHMKORF, Schriftsteller:

Wer gegen einen länderübergreifenden Literaturkanon ist, kann auch gleich die ganze lästige Schulpflicht abschaffen. Maßstäbe wachsen nicht auf dem freien Markt, und wenn die Edukation auch hier den Medien überlassen bleibt, werden die letzten Leselustigen, nein, nicht unbelesen, aber rettungslos fehlbelesen in die Geisterwelt hinaustaumeln. Ein wie auch immer zu erarbeitender Konsens (Betonung auf der zweiten Silbe wie bei Konfekt) sollte auf jeden Fall bei Anno Merseburg beginnen, den Minnesang nicht einfach leichtfertig überfliegen, die Lutherbibel wenigstens auszugsweis zur Kenntnis nehmen ("Das Hohelied Salomos", "Die Klagelieder Jeremiae") und sich dann langsam über die Barockpoesie, die deutsche Klassik, Romantik, den Realismus etc. pp. bis zum Expressionismus, meinetwegen auch Dadaismus durchzuwählen suchen. Letztere Richtung nur, damit nachgeborene Afteravantgarden sich nicht bis zum Ende der Welt für die Speerspitze experimenteller Schreibkunst halten. Auf keinen Fall sollte die Oberhoheit über einen Lesekanon in die Hände von selbst nicht mehr längsschnittgebildeten Privatkanonikussen gelegt werden. Die Schulkinder könnten sonst noch auf dumme Gedanken kommen und in beispielsweise Nelly Sachs eine epochale Sprachkünstlerin oder in Peter Handke einen bedeutenden Stilisten erkennen wollen. Daß einzelne jugendliche Vorprescher sich eine eigentümlich organisierte Lit-Galaxis zusammenlesen können, ist dabei gar keine Frage. Die schönen Rarissima soll sich jeder weiter im Alleingang aneignen, und ein Erlösungsseufzer wie "Ein unsterbliches Blatt zu einem guten Ende gelesen" (Hölderlin) wird wohl auf ewig zu den Spezialgenüssen einer selbstverfaßten Minderheit gehören.

PETER VON MATT, Literaturwissenschaftler (Schweiz):

Der Kanon ist ein Faktum, das nicht abhängig ist von denen, die ihn anerkennen. Auch die Komplexitätsdifferenz zwischen Berlin und Hinterzarten existiert nicht nur unter der Bedingung, daß der Bürgermeister von Hinterzarten ihr zustimmt. Bestritten wurde der Kanon stets von literarisch unbelesenen Theoriemolchen. Diese sind nicht mehr überall an der Macht, aber die Eier, die sie gelegt haben, stinken immer noch. Mindestens zwei Generationen junger Leute wurden von ihnen betrogen.

Die fünf unabdingbaren Werke der deutschen Literatur zu nennen ist als Aufgabe so absurd, daß es bereits wieder spannend wird. Also denn: - Goethe: Urfaust / Schiller: Der Spaziergang / Keller: Die drei gerechten Kammacher / Kafka: Der Process / Brecht: An die Nachgeborenen. - Und zusätzlich: Jean Paul / Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch.

Es ist dabei zu lernen: was "tragisch" heißt; worauf klassisches Denken zielt, nicht nur zur Zeit der Klassik; inwiefern Witz, Moral und Ökonomie zusammengehören; daß ein Buch nicht in seine Bedeutung übersetzbar ist; wie unzerstörbar einfache Sätze in deutscher Sprache sein können. - Und zusätzlich: ohne Frechheit gibt es keine Wahrheit.

WALTER HINDERER, Literaturwissenschaftler (USA):

Vorab: "Kanon" klingt nach Kirchendogmatik und päpstlicher Bulle. Wer dagegen verstößt, der gehört dann höchstens noch zur Ketzergeschichte. Kanon reduziert; authentische Literatur erweitert; gewünscht sind mündige Leser, die auf eigene Verantwortung diese Erweiterung suchen. Außerdem: Jede Zeit hat eine andere Optik, redet nicht nur anders über bekannte komplexe Dichtung, sondern lenkt den Blick auf vergessene oder vernachlässigte Literatur. Trotzdem: Wertung und Unterscheidung muß sein. Doch wie läßt sich über Literatur ohne Leser und mit Lesern ohne Literaturkenntnisse reden? Gewiß: Wir brauchen keine Gebote, aber Angebote, und zwar Angebote, die wie im Eiskunstlauf zum Pflichtprogramm gehören. Erst die Pflicht ermöglicht die Kür, denn auch kulturelle Identität läßt sich nur über eine solide Basis herstellen. Statt weiterer Fragmentarisierung brauchen wir verläßliche Ausgangs- und Mittelpunkte, auf denen sich aufbauen läßt - gerade auch in Sachen Literatur.

Was soll unbedingt dazugehören in einer Planvorstellung für den Deutschunterricht an höheren Schulen? Es fällt mir schwer, mich minimalistisch auf 5 Titel zu beschränken. Unverzichtbar sind Goethes "Faust", Lessings "Nathan", Schillers "Wallenstein", Kleists "Kohlhaas" und Kafkas "Verwandlung". Warum? Goethes "Faust" bildet inhaltlich und formal nicht nur einen Höhepunkt ebenso deutscher wie europäischer Kultur, sondern stellt, wie Ernst Bloch es ausdrückt, "das höchste Exempel des utopischen Menschen dar". Lessings "Nathan" ist das unübertroffene Beispiel für kulturelle, religiöse und politische Toleranz, das man getrost im Deutschunterricht endlich zum moralischen Muster machen sollte. In Schillers "Wallenstein" wird europäische Geschichte im Hinblick auf Deutschland dergestalt subtil perspektiviert, daß selbst heute noch die Historiker die Gültigkeit dieses hochqualifizierten literarischen Entwurfs bestätigen. Kleists und Kafkas Novellen erweitern unsere Erfahrungsraster auf eine Weise, die ebenso fasziniert wie irritiert, aber uns gleichzeitig von eingefahrenen Denkweisen befreit. Was die von mir ausgesparte hochkarätige deutsche Lyrik betrifft, so möchte ich für jeden Deutschunterricht der Oberstufe eine sorgfältig ausgewählte Lyrikanthologie fordern, die selbstverständlich Gedichte von Goethe, Schiller, Hölderlin, Heine, Mörike, Rilke und Celan enthält.

HARALD SCHMIDT, Talkmaster:

Jeder Abiturient sollte "Faust I" kennen. Now and forever. Nummer zwei ist "Brechts Hauspostille", als Einstiegsdroge für Brecht (im Gegensatz zum todlangweiligen "Jasager und Neinsager"). Drittens Ludwig Uhland: "Der wackere Schwabe". Eine Ballade muß sein, diese ist schon wegen "halbem Türken" äußerst diskussionsgeeignet. Dann bin ich für Effi Briest. Schüler sind faul, und Effi ist ganz schlicht nicht zu dick ("Sorry, liebe Literaturwissenschaftler"). Bei Nummer fünf entscheide ich mich für Wolfgang Koeppen "Das Treibhaus". (Von dort Freiwillige auf Gebrüder Marx, Döblin, Kafka, Frisch . . .) Böll hat ja seinen Nobelpreis, da sollte man Koeppen wenigstens lesen. Und als Zugabe: "Zwei Dinge" von Gottfried Benn auswendig lernen, anschließend ab ins Weinhaus Wolff.

HARTMUT VON HENTIG, Pädagoge: Wer einen "Kanon" für die in der Schule zu lesenden Werke fordert, sollte sich gefragt haben:

1. Soll dieser für alle Schülerinnen und Schüler aller Schularten gleichermaßen gelten? Wenn nicht - warum nicht?

2. Was machen wir mit den ungewollten Nebenwirkungen? Schule und Zwang verderben gleichermaßen die Freude an ihrem Objekt. Und: "Faust" oder "Der Mann ohne Eigenschaften" oder "Berlin, Alexanderplatz" oder die "Duineser Elegien" - nicht für 17jährige geschrieben - werden zu falschen Zeiten gelesen. Und: Was man gelesen hat, hat man gelesen, basta!

3. Wie entsteht ein Kanon? Durch Addition und Staffelung der von den Befragten zuoberst genannten Titel? Auf diesem Wege könnte ein Kanon mit fünf Dramen von Schiller zustande kommen - ohne ein Stück von Kleist oder Hauptmann oder Brecht. Ein Kanon muß aber doch wohl ein ausgewogenes Ganzes sein. Wenn nicht auf diese arithmetische Weise: Nach welchen Kriterien wird der Kanon aufgestellt? Schon für die pädagogischen wird sich Übereinstimmung nicht leicht finden lassen, weil die Schule so verschiedene Lebensalter, Lernstadien und -bedürfnisse umfaßt, geschweige denn für die literarischen und geschichtlichen.

4. Wenn es darüber Streit gibt, wer soll entscheiden? Die Germanisten? Die Erziehungswissenschaftler? Die Schulbehörden? Die Parlamente? Gemischte Kommissionen?

5. Was, vor allem, will man mit dem Kanon erreichen? Ein gemeinsames Arsenal von Geschichten, Wertvorstellungen, Sinnfiguren? Ist Michael Kohlhaas entbehrlicher als Tonio Kröger? Tonio Kröger entbehrlicher als Simplicissimus? Simplicissimus entbehrlicher als Der Schwierige? Und alle diese doch hoffentlich nicht ohne Maria Stuart und Frau Regula Amrain und Die unwürdige Greisin und Anne Frank!

6. Was setzt dem Kanon das Maß? Die Schulzeit und die Zahl der Deutschstunden? Die vorliegenden bedeutenden Werke? Die an ihnen zu erfahrenden großen moralischen und ästhetischen Themen?

7. Können 20 Werke genügen? Können 40 bewältigt werden? Von wem und, vor allem, wie?

GÜNTER DE BRUYN, Schriftsteller:

Wahrhaft an Literatur interessiert sind in der Schule nur wenige, und auch der beste Deutschunterricht wird nur wenige zusätzlich begeistern können. Das war so, ist so und wird so bleiben. Den anderen muß Literatur wie jeder andere Wissensstoff vermittelt werden. Sie müssen lernen, was Literatur ist, müssen die Fähigkeit, sie aufzunehmen, erproben, und es muß ihnen gesagt werden, was ein gebildeter Mensch darüber wissen muß. Die Pflichtlektüre muß deshalb auch in mehrere Gattungen Einblick geben, verschiedenen Zeiten angehören und von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad sein.

Mein Vorschlag: Goethes "Faust", Schillers Balladen, Kleists "Michael Kohlhaas", Thomas Manns "Buddenbrooks", Kafkas "Schloß".

Dürfte man sechs nennen, käme noch Fontanes "Effi Briest" dazu.

PETER GAUWEILER, Politiker (CSU):

Der Forderung nach einem "Kanon", also einer Liste der für den Deutschunterricht als mustergültig angesehenen Autoren und Werke, stimme ich zu. Der Kenntnisstand eines Abiturienten sollte aber nicht "drei bis fünf Titel", sondern wohl eher 20 bis 30 einschlägige Werke umfassen.

1. Goethe, Schiller und Lessing - unser Abiturient müßte in den Jahren seines Deutschunterrichts diese drei Giganten in jeweils mindestens einem Werk kennengelernt haben: also den "Faust" (in jedem Fall) und z. B. "Die Räuber" und den "Nathan". (Frage: Kann man Abitur im Fach Religion machen, ohne etwas von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes gehört zu haben?)

2. Heinrich Heine: "Buch der Lieder". Nichts von der deutschen Lyrik hat eine so breite Resonanz gefunden wie die Lieder und Gedichte von Heinrich Heine. Sein sprachliches Formenspiel - das Mühelose auf deutsch.

3. Walther von der Vogelweide: "Ich saz uf eime steine". Dieses Gedicht aus der Manessischen Handschrift ist nur beispielhaft für das Werk des bekanntesten mittelhochdeutschen Dichters, der den Meistersingern als einer der zwölf alten Meister galt. Man kann nicht "in Deutsch" ausgebildet sein wollen, ohne wenigstens eine der Sprachmelodien gehört zu haben, mit denen vor bald tausend Jahren alles anfing. Walthers Bilder und Formulierungen über die Vergänglichkeit der Welt (und den Glauben an Gott) sind überdies eine schöne Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert.

4. Thomas Mann: "Buddenbrooks". Nicht nur als deutschen Beitrag zur Weltliteratur des 20. Jahrhunderts, sondern als Beispiel für den vollkommenen Roman. Und als Einstieg in die Welt eines Autors, dessen Werk so unvergleichlich das verkörpert, was man das "deutsche Problem" nennt.

5. Bertolt Brecht: "Kleines Organon für das Theater". Gute Brecht-Kenntnisse sind in den gesellschaftlichen Verhältnissen von heutzutage immer noch zwingende Voraussetzungen für gute Abiturnoten in Deutsch. Das "Kleine Organon" vermittelt darüber hinaus die Diktion, welche man braucht, um im Deutschland von heute als kritischer Mensch zu gelten.

Was nicht zum Mindestkanon gehört, aber was ich gerne für den Deutschunterricht wiederentdeckt hätte: Adolph Freiherr von Knigge "Über den Umgang mit Menschen": ein politisch-sozialer Leitfaden, auf daß das Bürgertum Selbstbewußtsein und Vertrauen auf seine Fähigkeiten gewinne.

RUTH KLÜGER, Schriftstellerin:

Zur Grundsatzfrage: Wer den literarischen Kanon der eigenen Muttersprache nicht kennt, hat sein (oder ihr) rechtmäßiges Erbe auf den Müll geworfen.

Hier meine fünf, plus Zusatzzahl ("Wie immer ohne Gewähr", wie es beim Lotto so schön heißt). Natürlich könnte man mit Leichtigkeit zehn weitere solche Listen mit anderen Titeln aufstellen. Aber wem sage ich das.

1. Das Nibelungenlied, meinetwegen in Übersetzung und sogar gekürzt, doch beides ungern. Das erste deutsche Werk, das Geschichte (Welttheater) und Geschichten (Familientragödie) zusammenschweißt, ist sprachlich sowohl einfach wie großartig und verdient nicht, durch Musiktitanen und nationalistische Nacherzählung in Verruf zu geraten.

2. Lessing, "Minna von Barnhelm". Noch immer die intelligenteste deutsche Komödie mit einem ewig aktuellen Thema, nämlich Stolz und Vorurteil im Geben und Nehmen unter Liebenden und unter Freunden.

3. Goethe, Gedichte in reicher Auswahl. Wo sonst gibt's solch eine geballte Sprache, konzentriertestes Gedankengut, Richtlinien setzend und nur deshalb so endlos zitiert, weil man's halt nicht besser sagen kann?

4. Kleist, "Michael Kohlhaas". Die politisch-historische Novelle über Recht und Unrecht in Krieg und Frieden; Gewaltmonopol des Staates, ja oder nein; Ausschaltung und Ausnützung der Frau im Männerstreit; Bürgerrechte vs. Paragraphengerechtigkeit; erzählt in einer von erheiternden Legalismen und Exzentrizitäten strotzenden Sprache.

5. Kafka, "Die Verwandlung". Der ideale Einstieg in modernes Schrifttum, humoristisch und haarsträubend, surrealistisch und doch einleuchtend, dank der alptraumhaften Vergleichbarkeit aller Familienstrukturen.

Zusätzlich, Droste-Hülshoff, etwa ein Dutzend Gedichte. Seit Jahrzehnten hochgelobt, aber wenig gelesen und noch weniger zitiert; und doch in ihrem psychologischen Realismus und sprachlichem Fingerspitzengefühl einmalig.

ULRICH HOLBEIN, Schriftsteller:

1.Aus Nathan, dem Weisen, wenigstens den Satz: "Kein Mensch muß müssen", um mit ihm der Schulpflicht ("Ein Mensch muß Lessing lesen") rechtzeitig zu widersprechen.

2. Buddenbrooks, 11. Teil, 2. Kap.: Hannos traumatische Schulstunde, inclusive den Satz "Mumme versank", und zur Ergänzung die ersten drei Seiten aus dem Buch zur Prof.-Unrat-Verfilmung "Der blaue Engel".

3. Hesses Steppenwolf, unter besonderer Berücksichtigung des Kapitels "Alle Mädchen sind dein". (Zwecks methodisch-didaktischer Bewußtmachung, was mit 50 auf einen zukommt, wenn man mit 15 wegen Schule usw. alles verpaßt hat.)

4. Schopenhauer: "Metaphysik der Geschlechtsliebe" - auf daß in den indolenten, von Iphigenie eingeschläferten Mumienwald junger Menschen zwischendurch mal ein wenig Farbe und Vibration gekommen sein möge.

Und als Kompott E. Henscheids "Puff von Paris" sowie "Wie man eine Dame verräumt". Denn aus dieser Standpauke für ungeübt anmachende Disco-Kids wächst subkutan und inkognito mehr Wortschatz rüber als aus Faust und Tell.

REINER KUNZE, Schriftsteller:

Einem Abiturienten, der drei oder fünf Werke deutschsprachiger Literatur gelesen hat, fehlen dreißig bis fünfzig Werke, die er gelesen haben müßte. Wo also anfangen zu empfehlen, wo aufhören?

PETER HACKS, Schriftsteller:

Der Kanon für Menschen ist nicht derselbe wie der Kanon für Abiturienten; (Fontanes unbestreitbar kanonischer "Stechlin" beispielsweise ist Personen unter 30, 40, oft auch 50 nicht zumutbar). Wonach Sie, und leider ausdrücklich, forschen, ist der Pennälerkanon, der Kanon für Leute unter 20. "Es geht", schreiben Sie, "um den Deutschunterricht." Ich meinerseits vermute, es geht um Deutschland.

Aber ich kann ja nur auf das antworten, wonach ich gefragt bin. Was, also, sollte ein Gymnasiast auf eine einsame Insel mitnehmen?

1. Tucholsky: "Schloß Gripsholm". (Als einheimischer Ersatz für den eigentlichen ersten Roman für einen gesunden Jungen, den "Dorian Gray".)

2. Heine: "Deutschland, ein Wintermärchen".

3. Brechts "Dreigroschenoper".

4. Manns "Zauberberg".

5. Goethes "Faust".

Die ersten drei Titel gehören wohl zum Kanon, sind aber um ihrer Verbraucherfreundlichkeit willen gewählt, als Zusammenfälle von Klassik und Jugendschriftstellerei. Ich hätte vorgezogen, Ihnen mit "Philotas" und "Wallenstein" zu kommen. Die beiden letzten können von Lehrern nicht gelehrt und von Schülern nicht verstanden werden; dennoch haben sie Eigenschaften, vermöge deren sie schon im zarten Alter faszinieren.

Zusatzzahl:

6. "Kaff" (Anmerkung für Deutschlehrer: von Schmidt).

ERIC J. HOBSBAWM, Historiker (England):

1. Faust (mindestens I). Aus dem gleichen Grunde, der englische Mittelschüler zwingt, mindestens zwei Dramen Shakespeares aufzuarbeiten. Er ist ein Nationaldenkmal.

2. Eine Auswahl der Gedichte Hölderlins. Wenn Abiturienten nichts mit H. anfangen können, dann entdecken sie doch, daß sie ohne weitere Literaturstudien besser daran wären.

3. Büchner. Es ist zwar (hoffentlich) unwahrscheinlich, daß Abiturienten ihn nicht schon allein entdeckt haben; wenn aber nicht, dann können die gesamten Werke dieses Klassikers doch mit weniger Zeitverlust gelesen werden als dickere Bände.

4. Mörike. Auch wer kein Gehör für die Lyrik dieses Dichters hat, sollte wenigstens durch ihn "Mozart auf der Reise nach Prag" kennenlernen.

5. Thomas Mann, Buddenbrooks. Würden die heutigen Abiturienten diesen großen Roman überhaupt lesen, wenn er nicht auf einem Lehrplan stünde? Würden sie seine Bedeutung ohne die Hilfe guter Lehrer erkennen? (Man kann es natürlich bei Lukács nachschlagen, aber wer liest denn den heute?)

Und dazu noch als Fleißaufgabe: Lichtenberg.

EGON SCHWARZ, Literaturwissenschaftler (USA):

1.Goethes "Faust I", weil es immer noch ein zentrales Werk der deutschen Literatur mit starker Ausstrahlung in alle Welt ist, weil es eine Vorstellung gibt, was man mit gebundener Rede machen, und weil man daran die Übergänge von einer älteren Epoche in eine neuere exemplarisch darlegen kann. Auch über Geschlechterbeziehung und das "Faustische" in mehreren Kulturen ließen sich interessante Gespräche daran knüpfen.

2. "Michael Kohlhaas", weil die Novelle straff erzählt ist und dem Leser die Entscheidung abverlangt, wo die Suche nach sozialer Gerechtigkeit aufhört und das destruktive "fiat iustitia, et pereat mundus" anfängt. Das ist immer noch schrecklich aktuell.

3. "Der Zauberberg", der in der großen Tradition des europäischen humoristischen Romans steht, wichtige Themen der Geistesgeschichte anschlägt und eine Art Requiem auf die Epoche vor den Weltkriegen darstellt, die Europa zerstört und entmündigt haben.

4. "Die vierzig Tage des Musa Dagh", wo der erste moderne Genozid auf mehreren Ebenen gezeigt wird, von der politischen bis zur individuellen, ebenso wie verschiedene Möglichkeiten des Widerstands und die Suche nach einer ethnischen Identität.

5. "Galileo Galilei", endlich auch ein Drama. Hier kommen manche alten und neuen Konflikte zum Austrag, z. B. zwischen dem einzelnen und überindividuellen Mächten, der Wirtschaft, der Kirche und dem Staat, zwischen dem Gewissen und dem persönlichen Nutzen.

Als "Ersatzstück": "Der Alpenkönig und der Menschenfeind", damit auch ein Lustspiel, etwas Volkstümliches und etwas Österreichisches zur Auswahl steht.