In Peter Handkes jüngstem Drama "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" tritt der Dichter in Gestalt einer spöttischen Erzählerin auf die Bühne und herrscht das Volk an, also uns alle: "Du sollst mich anschauen, Volk, wenn ich noch zu dir spreche - oder weißt du nicht einmal mehr, was schön ist?"

Gute Frage. Und was wäre es, das Schöne? Bei Rilke, in den "Duineser Elegien", ist das Schöne "nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören".

Reden wir mal zur Abwechslung über Literatur. Sie ist der Ort des Schönen, wenn damit nicht das Gefällige und das Geläufige gemeint sein soll, sondern der Hereinbruch des erschreckend anderen. Dieses andere kann das Verdrängte sein und das Vergessene, die nachtschwarze Phantasie ebenso wie das helle Entzücken, das Abenteuer der Seele ebenso wie der heldenhafte Konflikt des Individuums mit der Gesellschaft. Wissen wir das noch? Oder sind wir, wie Hölderlin klagte, nur noch Handwerker und keine Menschen, nur noch blind beschäftigt mit den Kleinlichkeiten und Widrigkeiten des schieren Augenblicks?

Es ist wahr: Hölderlins "Brod und Wein" helfen nicht gegen die Arbeitslosigkeit, und Goethes Mondlied ist kein Beitrag zur Lösung der Rentenkrise. Wer sich heutzutage beruflich behaupten will, tut besser daran, Englisch zu lernen, Computertechnik und Mathematik. Belesenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Die Schüler lesen im Deutschunterricht eher Bild als "Faust", und sie diskutieren lieber "Liebe Sünde" als "Kabale und Liebe". Das ist ein Fehler.

Die weiland untergegangene DDR hatte sich die Pflege und Aneignung des "kulturellen Erbes" zum Ziel gesetzt. Dies geschah bekanntlich mit dem Vorsatz der Parteilichkeit und mit dem Zusatz der Zensur. Aber es entsprang auch dem Willen, die Überlieferung nicht abreißen zu lassen. Geschichte ist nicht nur die Geschichte der Könige und der Generäle und nicht nur die der Bauern und der Arbeiter, sie ist auch die Geschichte der Dichter und der Philosophen, die Geschichte von Büchern, von Dramen, von Gedichten. Darin sind die Träume aufbewahrt, die Ängste und die Hoffnungen der Menschen.

Wer diese Geschichte nicht kennt, der kennt die Kultur nicht, der er angehört, der kennt sich selber nicht. "Besinn dich. Entsinn dich. Laß dir erzählen", sagt Handkes Erzählerin. Aber hört noch jemand zu? Wen kümmert das kulturelle Erbe?

Liest man die Lehrpläne für den Deutschunterricht, so packt einen gelegentlich das Grausen. Es wächst mit der Nähe zu Bundesländern, die seit jeher von einer SPD regiert werden, die ihren alten Verdacht gegen das Elitäre mit einer modern gewesenen Pädagogik kombiniert. In Düsseldorf zum Beispiel ist nur mehr von "Texten" die Rede, von "nichtfiktionalen" (Zeitungen, Gebrauchsanweisungen) oder "fiktionalen" (Konsalik, Goethe). Ein Lese-Kanon wird ausdrücklich abgewehrt. In CDU-Ländern wird auf literarische Kenntnis eher Wert gelegt. Hier gibt es manchmal eine Leseliste, wird klassische Literatur noch gelesen. Überall jedoch, angesichts scheinbar neuer Herausforderungen, steht die Literatur unter Rechtfertigungsdruck.

Wir brauchen einen neuen Kanon. Allein schon deshalb, damit man über ihn streiten und das Gespräch über Literatur wieder beginnen kann. Wo kein gemeinsamer Gegenstand mehr ist, gibt es keine Diskussion. Als der Deutschunterricht in die Hände traditionsfeindlicher Didaktiker geriet, wurde der Kanon abgeschafft. Er galt als Herrschaftsinstrument. Das war er auch. Jeder Kanon sagt: "Das mußt du lesen, das gehört dazu, dieses nicht." Und jeder Kanon erzeugt seinen Gegenkanon. Dieser kann mächtiger sein als jener. Die Entdeckung von Brecht in den sechziger Jahren war deshalb so machtvoll, weil er in den Schulen nicht gelesen wurde. Wer einmal das Reich der Literatur betreten hat, ist für Reglementierungen verloren.

Nun aber, da es schon lange keine Verbindlichkeit mehr gibt und da ein Zeugnis der Reife auch jenen erteilt wird, die weder "Faust" noch "Effi Briest", noch "Mutter Courage" je gelesen haben, scheint die Lektüre dem Privatvergnügen neugieriger Schüler und der Privatinitiative gebildeter Deutschlehrer überlassen. Ja, es wird noch gelesen, vielleicht nicht weniger als früher, aber die Geschichte der Literatur als Geschichte des Geistes und seiner Höhepunkte hat kaum mehr einen festen Ort im Deutschunterricht. Dort müßte doch die Liebe zu Poesie und Sprache, die den Anfang wirklicher Sprach- und Denkfähigkeit begründet, gepflegt werden. Statt dessen studiert man die Sprache der Werbung.

Das ist Betrug an einer ganzen Generation. Unter dem Anschein von Modernität und Liberalität wird den Schülern Beliebigkeit vorgetäuscht, und nur jene, die aus einem gebildeten Haushalt mit Büchern kommen, wissen Bescheid. Aber literarische Maßstäbe gelten auch dann, wenn sie nicht mehr gewußt werden. Was zum Kanon gehört, ist, wie das Ergebnis der ZEIT-Umfrage zeigt, de facto unumstritten. Der Höhenkamm der großen Werke besteht auch dann, wenn er zeitweise im Nebel modischer Relativierung unsichtbar geworden ist.

Das alte Bildungsbürgertum - vielleicht ist es längst tot, wie der Verleger Klaus Wagenbach in der Umfrage wähnt. Aber darauf kommt es nicht unbedingt an. Denn in diesem Land gibt es Bibliotheken und Buchhandlungen genug, das Reich der Literatur steht jedem offen, der lesen kann, und selbst im Internet lockt die Gutenberg-Galaxis mit den Texten der Weltliteratur. Aber Lesen muß man lernen. Und dazu bedarf es der Anleitung, der Verführung anhand der kanonischen Werke.

Wer den "Faust" nicht mag, und welcher Schüler hat ihn je gemocht, muß die Chance erhalten, den eigenen Widerstand an ihm auszubilden. Wo keine Verbindlichkeit mehr herrscht, gähnt die geschichtsvergessene Leere. In die stolpert hinein, wer sprachlos ist und dem Müll der Bilder nicht das Eigene entgegenzusetzen weiß. Das Eigene? Es bestünde darin, daß eine oder einer, geschult an der von den Dichtern erzählten Erfahrung, ihre oder seine Erfahrung erzählen könnte, um der eigenen Geschichte bewußt zu werden.

Ein Gedicht von Stefan George (gehört es zum Kanon?) beginnt so: "Komm in den totgesagten Park und schau: / Der Schimmer ferner lächelnder Gestade, / Der reinen Wolken unverhofftes Blau / Erhellt die Weiher und die bunten Pfade." Und Hofmannsthal, in seinem berühmten "Gespräch über Gedichte", läßt seine beiden Redner, den Clemens und den Gabriel, darüber diskutieren. Clemens spricht aus, was auf der Hand liegt und also nur die Hälfte ist: daß die Poesie, voll von Bildern und Symbolen, vielleicht nur eine gesteigerte Sprache sei, weil sie eine Sache für die andere setze.

Darauf entgegnet Gabriel: "Niemals setzt die Poesie eine Sache für die andere, denn es ist gerade die Poesie, welche fieberhaft bestrebt ist, die Sache selbst zu setzen." Und er fügt hinzu: "Wollen wir uns finden, so dürfen wir nicht in unser Inneres hinabsteigen: draußen sind wir zu finden, draußen. Wie der wesenlose Regenbogen spannt sich unsere Seele über den unaufhaltsamen Sturz des Daseins. Wir besitzen unser Selbst nicht: von außen weht es uns an."

Wir besitzen unser Selbst nicht. In den Werken der Literatur weht es uns an. Manches stünde besser, wenn wir sie läsen und darüber sprächen. Obgleich damit die Frage des Spitzensteuersatzes immer noch nicht endgültig beantwortet ist.